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ten, sonst gibt es wenig große Bälle, dagegen viel Abende, an denen bald
dieser bald jener empfängt, so die orloff’s, lobanoff, mourawieff, etc. Auch
rom soll heuer zwar sehr besucht, jedoch wenig animirt seyn, es gibt große
spaltungen in der gesellschaft, unter andern eine heftige Brouillerie zwi-
schen lützow und doria Pamphili. dagegen ist neapel sehr brillant, und so
auch nizza.
[florenz] 20. Jänner vormittags
gestern gegen mittag zog ich endlich ins hôtel d’italie, wo ich, jedoch nur
einstweilen und bis ein kleineres ganz in der nähe der gräfin lottum leer
wird, ein wahrhaft königliches Appartement bewohne, mit einem salon, in
welchem ich ganz florenz tanzen lassen könnte.
ich hätte gerne gegen mittag ein tête-à-tête mit meiner geliebten clotilde
gehabt, weil ich manches mit ihr zu besprechen hatte, erstlich wegen unse-
rer verabredeten rendezvous am Abende, dann hatte ich ihr zu erklären,
weßhalb ich nicht schon am tage vorher hatte einziehen können und daher
unser erstes rendezvous zu Wasser wurde etc. sie lag aber noch im Bette
und schickte mich fort.
Ziemlich ärgerlich darüber wanderte ich in den Palazzo Pitti, wo ich resi
thurn besuchte, die da eine sainte famille von Andrea del sarti kopiert, es
war da ihre mutter, ein junger russe froloff, der resi die cour zu machen
schien, und mehrere andere herrn. nach 1 uhr ging ich wieder zu lottum,
wo ich mehrere herrn fand und daher kein unbewachtes Wort mit ihr re-
den konnte. Abermals ein grund zur üblen laune für mich, überhaupt ist es
nicht so leicht als man glaubt, vor der Welt sein näheres verhältniß zu einer
frau, welcher viel die cour gemacht wird, wie es hier der fall ist, zu verber-
gen und bloß die rolle eines gewöhnlichen Besuchers zu spielen, besonders
da die frauen ihrerseits in diesem spiele eine wahre meisterschaft besit-
zen, die einen zur verzweiflung bringen möchte, auch mir wird meine rolle
manchmal wirklich sauer. später besuchte ich graf reviczky, welcher an
der gicht leidend auf dem sopha lag, ich fand bey ihm Anfangs ferdinand
egger aus klagenfurt, seine frau traf ich nicht, ich hätte gestern Abends
bey thurn thee trinken sollen, wo auch gräfin reviczky seyn sollte, aber
lottum, die sie nicht leiden mag, verboth mir kurzweg, dahin zu gehen, und
ich brachte ihr dieses opfer um so lieber, als ich die Person selbst durchaus
nicht liebe mit ihren zahllosen Affectationen und minauderieen, welche ganz
de mauvaise compagnie sind.
dann hatten wir ein sehr angenehmes diner bey orloff: clotilde lottum,
Putbus, die meyendorfs, ein marquis de colbert, und sein schwager mr. de
chabrittant, ich wußte es so einzurichten, daß ich neben lottum zu sitzen
kam, und da wurde dann stoßweise, so oft gerade niemand aufhorchte, ein
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien