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Tagebücher224
comfortable, au coin de mon feu, in meinem eleganten Appartement, eine
menge Zeitungen und Bücher um mich etc., nur das essen war nicht irre-
prochable. nach 8 uhr fuhr ich zu Wasa, fand die Prinzessinn, uechtritz,
gräfin reviczky (welche wirklich magnifique ist, das ist nicht zu läugnen),
Prinz Jerôme monfort, der wie man sagt, der patito der Prinzessinn ist, ce
qui du reste ne l’empêchait pas, comme c’est son habitude de me lancer des
œillades passablement coquettes, und noch ein Paar herren, darunter den
alten holländischen general Bylandt, mit dem ich im hôtel des Bergues in
genf zusammen war, und der die verzweiflung und den Ärger der Prinzes-
sinn erregte, weil er ohne sich annonciren zu lassen, ohne daß sie auch nur
wußte, wer er sey, ich sagte es den damen erst, hereintrat, mit einer merk-
würdigen nonchalance im salon auf und ab spatzierte und der Prinzessinn
eine menge lächerliche fragen stellte, z.B. si elle connaissait le cour etc.
übrigens sagte ich ihr dann, er sey dafür bekannt, stark timbré zu seyn und
daher nicht zurechnungsfähig. gegen 9 uhr begleitete ich gräfin reviczky
zu ihrem Wagen und fuhr dann zur orloff, wo nach und nach ziemlich viel
leute ankamen, unter andern gräfin thurn sammt famille und einem hau-
fen oesterreicher, egger, rothkirch etc., die sie alle, so wie mich, bey loba-
noff vorstellen sollte, sie machte mir zärtliche vorwürfe über mein gestriges
Ausbleiben von ihrer soirée, ich aber beging, um mich vollends bey ihr zu
verderben, gleich darauf meine zweyte sünde wider sie, da es mich nem-
lich ennuyirte, mich so schockweise bey lobanoff einführen zu lassen, und
mehr als das, da gräfin lottum gerade erst angekommen war, so machte ich
ihr weiß, daß mein Wagen noch nicht da wäre und ließ sie abziehen, ohne
mit ihr zu gehen. sonst waren unter andern damen noch da eine ziemlich
amusante alte Polin, gräfin stryzowo oder so was, geborene Potocka, dann
die hübsche und elegante marquise Bonetta, der ich mich vorstellen ließ,
fürstin obolenski etc., und um das Beste zuletzt zu nennen, lottum und
meyendorf. nach und nach fange ich an, clotilden trotz aller verabredungen
so ziemlich offen den hof zu machen, was auch nichts auf sich hat, da es
noch eine menge andere leute gibt, die dasselbe thun. kaum war sie weg,
so fuhr ich auch zu lobanoff, suchte die thurn auf und ließ mich der win-
zig kleinen und ziemlich vulgairen fürstinn vorstellen, es war ein komple-
ter rout und alle salons zum erdrücken voll, man tanzte, und da lottum
lust bekam, tanzte ich einen Walzer mit ihr, es war der einzige, welchen sie
und ich tanzten, sie war schön wie ein engel und tyrannisirte mich wie eine
wahre femme élégante, ich sprach eine Zeit mit der meyendorf, da warf sie
mir einen strengen Blick zu, und ich gehorchte, sie verboth mir mit gräfin
reviczky zu sprechen, und ich that es, das sind goldene fesseln, die man
küssen möchte. übrigens scheine ich bey Prinzessinn Wasa sehr in gnaden
zu seyn, denn die uechtritz lud mich hier auf heute Abend zum thé en petit
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien