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Tagebücher226
montenegro und wir Beyde, dann kam ich nach hause, machte toilette und
fuhr in die Pergola, ich vergaß zu sagen, daß clotilde sich entschloß dahin zu
gehen, um später nach hause zu kommen und mich desto leichter zu erwar-
ten, ich war in ihrer loge und ärgerte mich ungeheuer über unseren unaus-
stehlichen Attaché metzburg, welcher ihr nicht von der seite ging, worüber
ich ihr am Abende eine kleine scéne machte. dann ging ich noch zu orloff
und Bonetta und wollte um 10 uhr zu Wasa fahren, aber mein Wagen hatte
mich im stiche gelassen, und zu meinem großen Ärger mußte ich eine halbe
stunde warten, bis ich einen fiaker herbeyholen lassen konnte, so fuhr ich
dann zu Wasa, wo es ein dutzend damen, ungefähr ebensoviel herren gab,
ich sprach lange mit dem Prinzen etc. gegen 12 uhr fing man an zu tanzen,
ich aber schlich mich fort und fuhr nach hause. clotilde war kaum angekom-
men, und bey ihr blieb ich dann, Anfangs ein Bischen boudirend, dann aber
verliebter als je, bis 3 uhr.
[florenz] 23. Jänner sonntag
gestern um 1 uhr machte ich meine gewöhnliche morgenvisite bey clotilde,
mit der ich Anfangs allein war, bis nach und nach mehrere leute kamen,
gegen 3 uhr ging ich zur orloff, die ich ziemlich leidend fand, mir aber nichts
desto weniger antrug, heute bey ihr zu essen und dann mit ihr zum Prinzen
montfort, Jerôme Bonaparte, und dann zu mourawieff zu fahren, welches
Alles ich aber ausschlug, da gräfin lottum heute schon um 10 uhr von ei-
nem diner nach hause kommen und mich erwarten wollte. dann besuchte
ich die marquise Bonetta, bey welcher ich Anfangs eine sehr hübsche und
liebenswürdige junge Pariserinn, madame de grabowski, fand. dann wollte
ich zu hélène Würtemberg gehen, sprach sie aber im Wagen, und ging end-
lich zur Paldi, die ich am Abende vorher bey Wasa gesehen hatte, um meine
bisherige vergessenheit gut zu machen, da mußte ich dann viele neckereyen
wegen gräfin lottum erdulden, passablement de mauvais goût, und ich war
froh, als ich endlich meinen frieden mit ihr schließen konnte unter der Be-
dingung, diesen Punkt wenigstens gegen Andere nicht mehr zu berühren.
um 6 uhr speiste ich auf meinem Zimmer mit froloff, welchen ich gebethen
hatte, um nicht allein zu seyn, und dann um ihn auszuforschen, weil ich ver-
muthete, er habe heute morgens einige signes d’intelligence zwischen clo-
tilde und mir bemerkt, es ist ein gutmüthiges langweiliges junges thier. um
8 uhr ging er fort und ich bald darauf auch, um ein Bischen in dem herrli-
chen mondschein herumzuflaniren, es war kein theater als eine langweilige
komödie im teatro Alfieri, wo ich auf eine viertelstunde meine Apparence
machte. um 10 uhr war ich zu hause und eine halbe stunde später bey clo-
tilde, und so endigte dieser an ereignissen arme tag.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien