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22724.
Jänner 1842
[florenz] 24. Jänner
Zum großen Ärger und verdrusse der florentiner fiel gestern den ganzen
tag über ziemlich viel schnee und mitunter auch sehr dicht, da derselbe
jedoch, sowie er zu Boden fiel, aufging, so gewannen wir dadurch nichts als
schmutz und koth auf ein Paar tage. da bey einem solchen Wetter nicht
auszugehen war, blieb ich bis nach 4 uhr bey clotilde lottum, meistens al-
lein, bis später Putbus und Allegri kamen. dann ging ich über die straße
zu hélène Würtemberg, die mir viel von stuttgart und dem langweiligen
leben daselbst erzählte, das muß ein rechtes klatschnest seyn, sie zeigte
mir ein Porträt des jungen ricci von hier, welcher in stuttgart lieutenant
ist, oder vielmehr war, da er schulden halber quittirte und nun nicht weg
kann, da ihm seine mutter, eine lionne von hier und geborene Poniatowska,
kein geld schicken will, damit er nicht zurückkehre, denn sie will noch jung
sein und gefallen. dieses Bild ihres gerade jetzt schwer kranken sohnes hat
gräfin hélène von stuttgart für sie mitgebracht, und die mutter vergißt nun
seit 10 tagen, es abzuholen! hélène W. ist eine gute creatur gegen männer,
desto boshafter aber gegen frauen, unter andern déchainirte sie sich auch
gegen die arme clotilde, und was soll man da thun? unter diesen umständen
suche ich immer das gespräch auf andere dinge zu bringen.
nachher besuchte ich noch im nämlichen hause die gräfinn thurn und
ging dann nach hause, aß ganz allein und fuhr um 8 uhr in die Pergola, wo
man hoffentlich zum letzten male die hugenotten écorchirte. clotilde war,
als ich sie verließ, noch nicht entschlossen, ob sie ins theater gehen oder
ihre Avantsoirée bey der fürstin lapuchin zubringen und dann um 10 nach
hause kommen werde. sie bestimmte sich für das letztere und kam daher
nicht ins theater, ich war Anfangs bey orloff, dann ging ich zur Prinzes-
sinn Wasa in die loge, neben der ich saß und viel mit ihr schwätzte, es ist
eine gute Person, schwach im geiste, desto stärker aber an körper, l’un vaut
bien l’autre, sie schimpfte weidlich über die reviczky, welche hier überhaupt
sehr unpopulair ist, was ich aber doch in ihrem munde ganz unpassend
fand, dann ging ich immédiatement eben zu reviczky, die dann ebenso ohne
hehl über die Wasa loszog, da möchte ich doch wissen, wie man es anfangen
müßte, wenn man in der Welt die Parthei der unterdrückten nehmen wollte!
um 10 uhr ging ich nach hause und zu meiner himmlischen clotilde, bey
der ich bis 2 uhr nach mitternacht blieb.
vormittags erhielt ich einen Brief von gabrielle und sandte einen schon
lange angefangenen an sie ab, man amusirt sich in mailand vortrefflich, mei-
nethalben, bin ich doch hier so unendlich besser, die erzherzoginn fängt an,
gabrielle en protection zu nehmen, das würde mich sehr freuen.
seit samstag wohne ich im 2. stocke, nicht weit von gräfin lottum, was
mir wegen unserer nächtlichen rendezvous sehr angenehm ist, obwohl
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien