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Tagebücher228
meine frühere Wohnung bey Weitem schöner war. et maintenant, faisons
un retour sur nous, mêmes, ich weiß nicht, wie Alles dieses enden wird, und
zittere bey dem gedanken an meine nahe bevorstehende Abreise, ich werde
mit jedem tage verliebter, und der umgang mit clotilden wird mir nach und
nach so sehr zum Bedürfnisse, daß ich wirklich nicht weiß, wie ich es anfan-
gen werde, wenn ich diesen werde entbehren müssen, alle tage liebe ich sie
mehr und heftiger, und ich zähle meine stunden nur nach denen, die ich bey
ihr zubringe, und ich glaube nicht, daß sie mich weniger liebt, als ich sie, sie
ist so schön, so elegant, so comme il faut, so amusant, so unendlich graziös
in ihrer conversation so wohl als in der geringsten ihrer Bewegungen, daß
ich oft stumm vor ihr sitze vor entzücken und Anbethung und sie bloß mit
den Augen verschlinge, ich erinnere mich nicht, jemals so leidenschaftlich
verliebt gewesen zu seyn, und besonders, meinen kopf eben so sehr als mein
herz berauscht zu haben, sie hat eine so unendliche piquante Anmuth und
lebhaftigkeit in der Art, wie sie mir ihre faveurs accordirt und abschlägt,
daß ich nach dem einen wie nach dem Andern nur noch verliebter werde,
wie früher. Wir sprachen gestern sogar vom heirathen, natürlich nur als
discurs, gott weiß aber, daß ich nichts sehnlicher wünschen würde. sie will
mir meine Amerikanische reise ausreden und meint, das sey unsinn, und
ich sollte lieber diesen sommer nach ems oder deutschland und nächsten
Winter nach rom zu ihr kommen, jenes geht nun wohl nicht an, wohl aber
könnte ich sie noch vor meiner reise in deutschland irgendwo sehen. ob
aber diese sobald stattfindet, ist überhaupt seit den letzten ereignissen noch
unsicher, das aber weiß ich, daß gerade meine wachsende leidenschaft für
clotilde mir sie noch wünschenswerther macht als zuvor, denn mit dieser
im herzen kann ich meinen gegenwärtigen langweiligen Beruf nicht fort-
treiben, my heart quails unter dem gedanken, ihn bald, wenn auch nur auf
Augenblicke, wieder reassumiren zu müssen, und immer weiter divergiren
Berufsbeschäftigung und neigung für mich aus einander, lange kann ich es
nicht mehr aushalten, und so ist mir ein Ausweg nothwendig, ich spreche ihr
zu, auf ihrer rückreise nach deutschland durch Wien zu kommen, wo ich sie
sehen würde.
sie erzählte mir gestern, Julie samoyloff sey in Paris ganz en vertu aufge-
treten, mache ein superbes haus und sey von Allem was Paris Ausgezeich-
netes und großes hat, recherchirt und gefeyert. das wundert mich, obwol
ich weiß, daß sie, wann sie es will, vollkommen comme il faut seyn kann,
aber mich wundert, daß sie es will, sie soll neulich einen Pariser lion, der
sich ihr mit zuviel Assurance nahte, ganz excellent zurechtgewiesen haben:
Aumoins, mr. le marquis, il a fallu toujours me plaire, et vous ne me plaisez
pas. von dem laffen martini redet kein mensch, er wird wohl zu der rolle
eines Privatsekretärs herabgesunken seyn. Apropos de cele, erhielt sein Bru-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien