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meine visite machen, er war aber noch bey tische, und ich fuhr dann in die
Pergola, wo heute die erste vorstellung von robert le diable und daher ein
brillantes theater war, denn trotz Allem verläugnen die florentiner ihren
italienischen charakter nicht und laufen ins theater gerade so gerne wie in
mailand. die Aufführung war ziemlich gut, die schoberlechner unvergleich-
lich trotz ihrer geringen stimme, die Brambilla und Porto (Bertram) sehr
gut, weniger gut die beyden tenors, die chöre und das ensemble. ich saß
Anfangs lange bey orloff, dann ging ich mit ihm zu montfort in die loge, wo
ich noch seine flamme die gräfin Bertolini, eine noch sehr hübsche frau,
hélène und Alexander Würtemberg etc. fand, ich betrachtete mir den alten
könig von Westphalen und wunderte mich ebensosehr über dessen junges
und frisches Aussehen als über seine geringe Ähnlichkeit mit seinem gro-
ßen Bruder – er, die letzte größe aus einer kaum entschwundenen gigan-
tenzeit! –––– er sprach von nichts als opern, Ballets etc. und scheint sehr
zufrieden in seiner lage. dann ging ich zu reviczky, die ganz auffallend
en coquetterie mit mir war, un peu d’un mauvais genre, aber ganz magni-
fique, und für die sinne unvergleichlich. la roche Pouchin, der ein wahrer
gelehrter ist, ennuyirte mich da mit einer endlosen Abhandlung über die
abendländische herrschaft in griechenland im 13. und 14. Jahrhunderte,
à propos der Anwesenheit des berühmten geschichtsforschers Buchot.1 ich
blieb lange da und wollte eben um 1/2 11 nach hause fahren, um zu clo-
tilde zu stürzen, als ich diese im theater sah, sie war mit der duchesse
d’Almanza2 und ihrem jungen manne (sohn des ehemaligen französischen
Bothschafters in spanien, saint Priest,a den ich bey gräfin lottum gesehen
hatte, bey ihr blieb ich dann, bis sie ging, worauf auch ich mich empfahl.
unser rendezvous dauerte über drey stunden und war so schön, als nur
jemals eines gewesen, wir sprachen von unserer gestrigen Bouderie, und
sie sagte mir, sie hätte erwartet, ich würde sie um vergebung bitten und
nicht so ärgerlich davon rennen, sie machte mir vorwürfe über meinen lan-
gen Besuch bey der reviczky und über mein gestriges kaltes Benehmen auf
dem Balle, ich hätte ihr nicht einmahl gesagt, wie ich sie aussehen fände,
überhaupt wünsche sie, daß ich ihr vor leuten mehr die cour mache, als ich
es thäte, sie war und bleibt ein engel, wenn ich so des Abends bey ihr bin,
falen. er war seit 1807 mit Prinzessin katharina v. Württemberg (gest. 1835) verheiratet.
1816 wurde er von seinem schwiegervater könig friedrich v. Württemberg zum fürsten
von montfort ernannt.
1 richtig Jean Alexandre Buchon.
2 richtig Almazan. emmanuel de guignard vicomte de saint-Priest hatte 1830 als französi-
scher Botschafter in madrid den spanischen titel eines duque de Almazan erhalten. diesen
titel übertrug er auf seinen ältesten sohn emmanuel bei dessen hochzeit am 27.5.1841.
a der klammerausdruck schließt nicht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien