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Jänner 1842
fühle ich mich wie magnetisch aufgeregt, es kann aber auch niemand so
küssen wie sie.
[florenz] 28. Jänner
vorgestern, den 26. ging ich wie gewöhnlich frühe zu clotilde, wo ich bis
nach 3 uhr blieb, dann flanirte ich ein Bischen herum, sah mir die berühmte
Parfümerie im kloster di santa maria novella an, etc., und ging dann zu
orloff im Auftrage der gräfin lottum, um subscriptionen für einen protegé
von ihr, einen verarmten courier zu sammeln. sie kam bald darauf, wie sie
mir gesagt hatte, selbst hin, um sich auf morgen bey orloff zu tische zu
bitten, da ihr onkel ausgeladen ist und sie nicht allein essen mag. Wie na-
türlich engagirte die orloff, die eine gute frau ist und ziemlich gescheidt,
auch mich. gegen 5 uhr kam ich nach hause, machte später toilette und
ging zu Putbus hinab. Wir hatten da a very pleasant dinner, clotilde als
hausfrau, meyendorf, seine frau kam nicht, worüber sie denn viel erdulden
mußte, fürst lapouchin, Allegri, froloff und ich. nach tische wurden bey
Putbus cigarren geraucht, und wir schwätzten bis gegen 9 uhr, worauf clo-
tilde und lapouchin ins theater fuhren, und ich kam langsam zu fuße nach.
man gab wieder robert der teufel, und es war sehr voll, ich war im Anfange
bey orloff, dann bey Wasa, endlich bey der guten Bonetta, wo ich charles
Poniatowsky fand, der mich auf heute freytag den 28. Abends zu sich bath.
Zuletzt ging ich zur gräfin lottum, wo auch frau v. meyendorf war, und
nach dem ende der oper begleitete ich die damen ins foyer, welches sehr
brillant war, sprach da, nachdem sie weggefahren waren, mit mehreren da-
men, orloff, Wasa, uechtritz, la rochepouchin etc., und ließ mich endlich
von froloff nach hause fahren. mein rendezvous mit clotilde war dießmal
sehr stürmisch und dauerte wieder bis gegen 3 uhr.
[florenz] 29. Jänner Abends
ich werde nach und nach so zerstreut und unordentlich in meinem täglichen
leben, daß ich kaum die Zeit finde, mein tagebuch ordentlich zu führen,
und übrigens befinde ich mich sehr wohl dabey, und das ist die hauptsache.
vorgestern den 27. befand ich mich übrigens durchaus nicht wohl, son-
dern war vielmehr in einem Zustande von Agitation und exasperation, der
kaum zu beschreiben war, und zwar in folge meiner gestrigen déconfiture
bey clotilde, die aber damals, wie seitdem, anbethungswürdig vor liebe
und herzlichkeit gegen mich war. ich lief den ganzen tag keuchend und
schwitzend herum, rath und hülfe suchen, fand aber niemand, dessen ich
bedurfte, trotz des laufens ins große spital, in Apotheken etc., bis ich end-
lich gegen 5 uhr bey einem dr. gambarajo trost und hülfe fand, mir war
ganz misérabel zu muthe. trotz dem fand ich Zeit, meine gewöhnliche visite
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien