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Februar 1842
stücke, sie hatte sehr starke migraine gehabt und sich vor 11 uhr zu Bette
gelegt. Annette sollte es mir sagen, doch verfehlten wir uns, sie habe mein
spektakel gehört. übrigens war sie schön und zärtlich wie jemals, und ich
blieb bis gegen 1 uhr allein bey ihr, leidenschaftlich verliebt, und als sie da
ausging, frühstückte ich bey mir und sitze noch da, schreibend und lesend.
[florenz] 2. februar
gegen 1/2 3 uhr ging ich zu louis Zichy, welcher aber schlief, daher flanirte
ich herum, denn es war ein magnifiques Wetter, erkundigte mich in den ver-
schiedenen Bureaux nach dem Abgange der dampfschiffe nach genua, ging
am Arno spatzieren etc.
ich werde wohl, sehr gegen meinen Willen, den rückweg übers meer
nehmen müssen, denn die straße nach Bologna sieht heillos aus, gestern
war der mailänder courier noch immer ausgeblieben, und bis diese straße
vollkommen fahrbar ist, werden bey der saumseligkeit der päbstlichen re-
gierung selbst bey anhaltend gutem Wetter wenigstens 10 bis 12 tage ver-
gehen, früher aber diese straße zu fahren, würde erstlich meine Ankunft
in mailand um nichts beschleunigen, und dann gestehe ich, daß ich trotz
seekrankheit lieber übers meer fahren, als 5 oder 6 tage zwischen hier und
Bologna zubringen will. nun geht aber vor dem 7. Abends kein dampfschiff
von livorno nach genua, kurz, kommt Zeit kommt rath.
gegen 4 uhr ging ich wieder zu clotilden, wie ich es versprochen hatte,
fand sie Anfangs allein, dann kamen Besuche, endlich blieb ich mit ihr und
Allegri bis 6 uhr allein, und da gab es dann wieder die beständige conversa-
tion, wenn wir 3 allein sind: Allegri behauptet, ich sey zum sterben in clo-
tilde verliebt, ich gebe es halb und halb zu, und sie meint, ich wäre ein ganz
guter mensch, für den sie sehr viele freundschaft, aber nichts weiter fühle,
wobey sie sich dann amusirt, uns Beyde ein Bischen zu persifliren, was sie
vortrefflich kann.
um 6 uhr ging ich fort, nahrung suchen, fand aber keine, die tables
d’hôte waren alle schon vorüber, und à l’Aigle d’or fand ich keinen freyen
tisch mehr, endlich bekam ich ein diner in der Pension suisse, wo voriges
Jahr grothus und meine hübsche de rieux gewohnt haben. nachher ging
ich in das cabinet de lecture vieusseux, und bedauere, nicht früher dahin
gegangen zu seyn, denn es ist das reichste und vollständigste cabinet, wel-
ches ich gesehen, vom Journal de s. Petersbourg bis zu den nordamerika-
nischen Blättern, Alles was man sich nur denken kann, so z.B. sogar die
Phalange,1 neippergs evangelium, dazu alle vorzüglichen periodischen An-
1 die Zeitschrift „la Phalange“ wurde 1836 von Anhängern des sozialreformers charles fou-
rier gegründet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien