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Tagebücher244
ich hatte gehofft, clotilde im theater zu sehen, sie kam aber nicht, ich
machte noch visiten bey Bonetta, reviczky und uechtritz, begleitete diese
an den Wagen und ging dann nach hause. da kam aber Annette mit einer
Botschaft clotildens, sie könne mich heute nicht sehen, da sie mit ihrem on-
kel zu mourawieff habe gehen müssen, von wo sie sehr spät zurück kommen
würde. ich aber versicherte Annette, ich hätte ihr etwas sehr dringendes
zu sagen und würde ihre rückkehr abwarten, ich hätte es nicht ertragen
können, abermals einen tag zu verlieren ohne sie zu sehen. ich ging daher
nochmals aus und lief eine halbe stunde in der stadt umher, Anfangs in der
Absicht, vor das haus, wo mourawieffs wohnen, und das ich erst erfragen
mußte, zu gehen, um zu sehen, wenn sie wegfahren würde. da dieses aber
beynahe eine halbe stunde weit war, kam ich um 1/2 1 uhr nach hause
zurück und ging gerade in clotildens salon, wo ich mich etablirte, bis sie
zurückkomen würde.
es ist sonderbar, was das interieur einer frau, die man liebt, für einen
berauschenden eindruck auf einen macht, ich glaube, ich hätte 24 stunden
allein da sitzen können, ohne daß mir die Zeit lang geworden wäre, ich sah
zum hundersten mahle ihre tausend kleinen nippes und Zeug an und extasi-
irte mich über den parfum von elégance, welcher alles was sie umgibt, durch-
dringt, es währte ungefähr eine stunde bis sie kam, ganz nerveuse über die
langeweile, die sie bey mourawieff gelitten, sie war fast nicht erstaunt, mich
da zu finden, indem sie sagte, sie hätte es gedacht, daß ich auf sie warten
würde, und es sey ihre Absicht gewesen, mich rufen zu lassen, da sie voraus-
setzte, ich würde in meinem Zimmer auf sie warten, übrigens war sie sehr lei-
dend, sie sagte mir, nebst ihren Brustschmerzen habe sie nun noch krämpfe
im unterleibe, die sie sehr schmerzten. dabey steht sie alle Augenblicke vor
dem spiegel und kränkt sich über ihre cernirten Augen und blassen Wangen,
ein unerklärliches, anbethungswürdiges gemisch von eitelkeit, gemüthlich-
keit, muthwillen und liebe, sobald ich etwas von ihr verlange, sagt sie mir
gleich ganz décidirt nein und thut es dann doch, so auch dießmal, ich zankte
mit ihr, weil sie morgen, d.i. heute eine menge Projekte hatte, und ich sie
daher nicht allein würde sehen könne, sie schlug mir alle meine Bitten rund
ab, meinte, ich sähe sie ohnehin genug, sie müsse der Welt und ihrem on-
kel zu liebe manches thun, was sie nicht lassen könne etc., und dann beym
fortgehen bestellte sie mich auf heute 3 uhr, wo sie es so einrichten würde,
ein Paar stunden mit mir allein zu seyn, und sagte, sie würde daran denken,
mich auch Abends ein Bischen sehen zu können, und ich bin überzeugt, daß
sie etwas aussinnt. Zwey dinge will sie nun besonders: mich nicht weg lassen
und mich von meiner reise nach America abbringen, es wird ihr aber von
beyden keines gelingen: montag Abends fahre ich mit dem dampfschiffe von
livorno ab, erstlich muß denn doch einmahl geschieden seyn, und ich muß
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien