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Tagebücher246
enorme reise nach Putbus, welche sie im sommer zu ihren Ältern unterneh-
men sollte, fallen zu lassen.
dann sprachen wir noch von hundert andern dingen, kurz es waren drey
köstliche stunden, warum nur drey und nicht dreytausend. endlich mußte
ich fort, ging noch eine Zeit lang in dem herrlichen Abende und unter einem
gewühle der menschen spatzieren und aß dann à l’Aigle d’or, Anfangs mit
szapary, und dann discurirte ich lange mit dem Wirthe über sein geschäft
und seine fata.
nachher wollte mich ein marchand de chair humaine verführen, es gelang
aber nicht. ich ging noch einen Augenblick zu vieussseux und lachte über
einen Artikel des charivari über die verordnung des königs von Preußen,
welche allen nachtigallen im reiche die freyheit gibt, wie kann man aber
auch im 19. Jahrhunderte solch dummes Zeug verordnen, man möchte la-
chen, wenn man sich nicht vor dem Auslande für sein deutsches vaterland
schämen müßte.
um 9 uhr ging ich nach hause, machte toilette und ging zu hélène Wür-
temberg, die mich gestern zum thee eingeladen hatte. dort fand ich die
thurns, froloff, lassis, Zichy, der aber bald wegging, und lucchesini, einen
sehr angenehmen und dinstinguirten menschen. es wurde viel von den ko-
mödien gesprochen, welche die societé in den kommenden fasten aufführen
wird, und man bath mich, ihr von mailand einige der neuesten französischen
stücke zukommen zu lassen.
um 11 ging ich fort und begab mich in die Pergola, wo der erste veglione
war, ziemlich ärmlich verglichen mit der herrlichen in der scala, zudem wa-
ren heute auch nicht sehr viele leute, dagegen aber viel masken aus der
gesellschaft, die ziemlich gut intriguirten. ich erkannte die Zappi, grabow-
ski, Bertolini, monfort pére etc. ich mußte beynahe eine runde lang hélène
Würtemberg herumschleppen, die den unglücklichen gedanken hatte, im
domino und in einer halben maske ins Parterre gehen zu wollen, wo sie
dann gleich Jeder erkannte, und sie nichts zu sagen wußte. endlich persua-
dirte ich sie, sich eine bessere, d.h. vollständigere larve kommen zu lassen,
und schickte ihr einen anderen cavalier. clotilde war in großer toilette und
wieder sehr schön wie immer mit gräfin choiseul im theater, und bey ihnen
saß ich dann am meisten, obwol ich auch sehr viel in logen und im Parterre
herumlief, bey orloff mit jenen 2 damen sandwiches aß, bey larochePou-
chin ein glas champagner trank etc. eine männliche maske, welche übri-
gens sehr comme il faut aussah, und die ich und auch clotilde trotz Allem
für larochePouchin halten, intriguirte diese letztere (clotilde) auf das un-
glaublichste und schien viel von ihrem leben in neapel zu wissen. clotilde
starb aus neugierde und bestürmte dann larochPouchin, welcher später in
die loge kam, mit ihren fragen und Bitten, doch umsonst.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien