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Tagebücher248
haben sich seit gestern ganz andere dinge zugetragen, doch will ich der er-
zählung nicht vorgreifen.
um 1/2 3 uhr also ging ich, nachdem ich eine lange conferenz mit dem
m. Baldi, dem Wirthen, wegen meiner Abreise gehabt hatte, zu clotilde, wo
ich visiten fand, unter andern louis Zichy und metzburg, dieser misérable
commis wird mit jedem tage unartiger gegen mich, ich weiß nicht was dem
kerl beyfällt, dafür aber behandle ich ihn auch ganz en canaille, d.h. je le
mets à sa place.
es wurde da aber so viel dummes und fades Zeug geschwätzt, daß ich es
nicht lange aushielt. clotilde hat sich, ich begreife nicht wie, mit lauter sol-
chem insignificaten jungen volk entourirt, ich glaube, das macht ihr spaß,
wenn die leute recht viel dummes Zeug daher schwätzen, freylich gibt es
hier gegenwärtig nicht viel Besseres. froloff z.B. ist ein recht guter Bursche,
der sich machen wird, jetzt aber ist er wie alle jungen leute, die sich en évi-
dence setzen und durch ihre conversation brilliren wollen: er redet, wenn
man ihm zuhört, abgeschmacktes Zeug und eingelernte Phrasen daher, es
gibt keinen größeren fehler als den, zu amusant seyn wollen, man über-
schießt da gewöhnlich sein Ziel.
von da ging ich zu orloff, die mich bey tische behielt, ich machte daher
noch früher zu hause toilette, stieg noch ein paar male mit la rochePou-
chin am Arno auf und ab und ging um 6 uhr wieder zu orloff, die gesell-
schaft bestand bloß aus froloff und gräfinn Zaharczewska, schwägerinn Ju-
lie samoyloffs, mit ihrer dame de compagnie. sie war gestern von Paris über
den mont cenis, genua und zu lande über spezzia und lucca hier ange-
kommen und erzählte mir furchtbares über den Weg von genua hieher, sie
hatte 18 stunden in einem chalet auf dem monte Brano (bey chiavari) zu-
bringen müssen und überhaupt die größten hindernisse und verzögerungen
gefunden, was soll ich da machen? Zur see die jetzigen wühlenden Winde, zu
lande solche difficultäten, und auf den Appenninen soll es gestern wieder
geschneyt haben, und doch will und muß ich fort.
nach tische ging ich auf einen Augenblick zu vieusseux, dann nach
hause und endlich gegen 9 uhr in die Pergola, Anfangs zu orloff, dann zu
Wasa, wo ich seit einiger Zeit eine große erkältung gegen mich verspüre,
wahrscheinlich weil ich zu wenig hingehe und weil die gute Prinzessinn eine
sehr lächerliche rivalität gegen alle hübschen frauen und besonders gegen
gräfin lottum fühlt. von da ging ich zu clotilde hinab. fürst lapouchin, der
auch da war, lud mich auf dienstag Abends zu einem souper während des
veglionis, und ich nahm es unter der Bedingung an, wenn ich dann noch hier
seyn sollte, was aber wohl der fall nicht seyn wird.
clotilde war wie immer vor menschen sehr freundlich mit mir, beschäf-
tigte sich aber beynahe ausschließlich mit orloff, lapouchin, Allegri etc.,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien