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Februar 1842
fand ich mutter und tochter uechtritz, erstere in thränen aufgelöst, und
der Prinz, der bald darauf herein kam, entschuldigte das nichterscheinen
seiner frau mit einer unpäßlichkeit. damit combinirte ich nun, daß ich im
hinfahren den Wagen Jerôme montforts begegnet habe, welcher der Prin-
zessinn sehr auffallend die cour macht, und wegen dessen es schon szenen
abgesetzt haben soll.
ich blieb somit nicht lange, sondern fuhr zu hélène Würtemberg, welche
mir geschrieben hatte, ich möchte vor meiner Abreise auch auf einen Augen-
blick zu ihr kommen. Bey ihr fand ich die marquise martellini, obersthof-
meisterin, sammt ihren töchtern, dann die thurns, froloff etc. nachdem ich
eine tasse thee getrunken hatte, empfahl ich mich unter einem vorwande,
denn clotilde erwartete mich ebenfalls zu einem thee unter 4, oder eigent-
lich unter 6 Augen, denn später kam auch madame vivier, mit der sie heute
en masque gehen sollte, und die bereits im domino erschien. es war ein sehr
angenehmer und vergnügter Abend – warum der letzte? so lange wir allein
waren, war clotilde unerschöpflich in Zärtlichkeit und liebe gegen mich,
und als mad. vivier kam, genirte sie uns nicht stark und amusirte uns sehr
durch ihre guten einfälle und besonders durch die charmanten lieder und
liedchen, lustige und traurige, welche sie uns zum clavier vorsang
si tu ne peux m’aimer
eh bien ne m’aime pas
J’en aurai des regrets
mais je n’en mourrai pas
sogar die alte schöne erinnerung von 1836, das schottische lied: cease your
funning, heute hörte ich es zum ersten male von einer andern als von Augu-
ste singen.
so blieben wir bis nach 11 uhr beysammen, dann maskirte sich clotilde
auch, worüber es dann großes gelächter gab, und dann fuhren sie Beyde in
mad. vivier’s Wagen ab, ich gleich darauf auch und in die Pergola. da war
dann im Parterre, auf der Bühne und in den sälen eine solche foule, daß
man sich kaum bewegen konnte, ich ließ mich da unter den masquen eine
stunde lang herum stoßen in der hoffnung, meine beyden masken zu finden,
endlich erblickte ich sie in der loge bei orloff, sie waren Beyde sehr brillant
und immer entourirt von einer menge herren, besonders clotilde war, wie
ich sah und hörte, voll geist und Witz und machte fureur, ich suchte sie
immer soviel als möglich im Auge zu behalten, machte aber doch mehrere
nothwendige kurze Abschiedsvisiten, als bey reviczky, orloff, hélène Wür-
temberg, la rochePouchin, Poniatowsky, choiseul, Bonetta etc., war aber
trotz dem sehr okkupirt und zerstreut und kann eben nicht sagen, daß ich
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien