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Tagebücher254
mich besonders amusirte. mit mir, da ich im vertrauen war, konnten sich
clotilde und mad. vivier natürlich nicht viel beschäftigen, sondern sie be-
schränkte sich darauf, mich zu grüßen und mir manchmal in der stille ein
freundliches Wort zu sagen.
gegen 2 uhr aber wurde mir angst und bange um mein versprochenes
letztes rendezvous, denn um 1/4 4 uhr hatte ich die Pferde bestellt. ich
suchte also clotilde auf, die auch trotz dem daß sie sich über alle maßen
amusirte, gleich weg wollte, da mußten wir aber erst eine Wanderung durch
Parterre und foyers nach mad. viviers Bedienten antreten, und es fand
sich, daß dieser den Wagen erst um 3 uhr bestellt hatte.
Was war da zu thun? man kann sich meinen Ärger, meinen verdruß vor-
stellen, ich brusquirte alles, die masquen die mich ansprachen, ja beynahe
die arme mad. vivier selbst. clotilde war beynahe ebenso ärgerlich wie ich,
aber es war nichts zu thun. Wir gingen daher Alle in die loge einer mad.
thomson, der mich die vivier aufführte, und von der ich in meinem Ärger
nicht die geringste notiz nahm, ich schäme mich beynahe darüber.
doch hatte ich früher in einer loge eine masque gefunden, welche mich
sehr interesssirte, sie schien eine französinn oder Polinn zu seyn, sehr
comme il faut, eine charmante hand und fuß, blaue Augen, eine schöne fi-
gur, und sagte, ich kenne sie nicht, hätte sie aber überall in der Welt, d.h. in
florenz, gesehen. ihre conversation war sehr interessant, trotz meiner drin-
genden Bitten wollte sie sich mir nicht nennen, versprach mir aber feyerlich,
wenn wir uns einmahl irgendwo begegnen sollten, sich mir da zu offenbaren!
Wir wollen sehen, ob sie Wort hält.
endlich bath clotilde charles Poniatowsky, der sie erkannt hatte, er
möchte sie nach hause führen lassen, und er begleitete sie selbst. ich war
kurz vorher gegen 3 uhr nach hause gekommen, hatte die Pferde bis 4 uhr
abbestellen lassen und zog mich in reisekleider um. dann ging ich zu clo-
tilden, ich hatte es so veranstaltet, daß kein kellner meiner Abreise wegen
auf war und mich bloß Portier, hausknecht und mein Jäger beym Wagen
erwarteten.
clotilde war Anfangs noch ganz kindisch, froh und lustig über ihren suc-
cés am maskenballe und behauptete, sie hätte sich in ihrem leben nie so
amusirt, dann aber, als die rede auf unsern Abschied kam, wurde sie so
traurig und leidenschaftlich, als ich es von ihrer liebe erwarten konnte.
trotz unseres feyerlichen versprechens, uns diesen sommer wieder zu se-
hen, riß ich mich nur langsam und mit blutendem herzen von ihr los, und
sie hing sich an mich, wollte mich nicht los lassen und bedeckte mich mit
schmerzlichen küssen. mir war, als könnte ich nicht von ihr fort, und doch
empfand ich mehr verwunderung als schmerz, ich hatte mich so an sie ge-
wöhnt, daß ich nicht glauben konnte, es sey mit der trennung ernst, der
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien