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Tagebücher260
los werden? und wenn meine reiseprojekte wenigstens für den Augenblick
keine Ausführung finden sollten und ich daher im nächsten sommer meine
geliebte clotilde wieder von hier aus irgendwo aufsuchen soll, was wird es
dann erst für einen lärmen geben? und doch würde ich mir diese freude auf
keinen fall, es koste was es wolle, versagen.
nebstdem wird mir jetzt, da der Augenblick herannaht, wo ich in Wien
entschieden für meine Pläne auftreten soll, für deren gelingen bange, werde
ich im stande seyn, gegen den spießbürgerlichen, hausbackenen sinn unse-
rer Potentaten mit meinen außergewöhnlichen ideen durchzudringen? und
mehr als das, werde ich in dem die Jahre ehrenden oesterreich bey meiner
Jugend mir das vertrauen erwerben können, ohne welches ich nicht hoffen
kann zu réussiren? und ist vorauszusetzen, daß eine so nüchterne regie-
rung als die unsrige unter diesen verhältnissen geld an meine Projekte wa-
gen wird? und dieses ist denn doch die hauptsache, ich möchte manchmal
beynahe wünschen, daß sie mit einem mahle hinter meine Autorschaft, das
Buch sollte meiner Berechnung nach nun bald erscheinen, obwol ich noch
immer nichts darüber weiß, kommen möge, das würde wenigstens eine ehre
absetzen, und ich würde entweder zum tempel hinaus gejagt, oder man
würde es erkennen, daß ich, obwohl noch nicht von Alter grau, es doch ver-
diene, mit Aufmerksamkeit behandelt zu werden. die constellationen in un-
seren obersten regionen sind gerade jetzt in einer krisis begriffen, die grä-
fin kolowrat wird nun wohl schon todt seyn, und somit der graf fürs erste
von den geschäften abtreten und sie ad interim an graf hartig übergeben.
August lobkowitz, auf den ich am meisten rechne, war sehr krank, ist jetzt
aber auf dem Wege der Besserung, und lerchenfeld soll als Bundestagsge-
sandter nach frankfurt kommen.1 ob mir alle diese konjunkturen schädlich
oder vortheilhaft seyn werden, kann ich kaum recht wissen.
mittlerweilen studire und praeparire ich mich so gut ich kann, schreibe
Briefe in alle Weltgegenden und bereite mich, so gut als dieses so im voraus
möglich ist, vor, in Wien auf eine Art aufzutreten, welche bey denen, von
welchen die realisirung meiner Projekte abhängt, vertrauen in den ernst
und die gründlichkeit meiner ideen erwecken könne. dabey kommen mir
dann noch eine menge anderer dinge dazwischen, welche mich beschäftigen,
die Bestellung meiner finanziellen verhältnisse vor Allem, und diese sind
eben nicht erfreulicher Art. kurz ich bin ein geplagter mensch.
1 maria rosa, die gattin des staatskanzlers graf franz kolowrat, starb am 16.3.1842, am
tag darauf starb fürst August longin lobkowitz, der Präsident der hofkammer für münz-
und Bergwesen. frh. maximilian v. lerchenfeld, bayerischer gesandter in Wien, wurde
tatsächlich wieder zum Bundestagsgesandten seines landes in frankfurt ernannt, ein Pos-
ten, den er bereits von 1826–1833 inne hatte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien