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Tagebücher268
lich für meine Pläne, und so blieben mir wirklich nur jene beyden nothan-
ker, fürst metternich und das triester gouvernement. Aber der fürst will
mir noch von alter Zeit her nicht wohl, und stadion kennt mich kaum per-
sönlich, und zudem läßt sich so etwas schwer im correspondenzwege abma-
chen. kurz, wo soll ich rath und Beystand finden? ich bin sonst ziemlich
fruchtbar an expédients, und auch jetzt muß ich mich selbst darüber be-
wundern, daß ich unter solchen verhältnissen weder die hoffnung noch den
muth verliere.
unangenehm aber ist mir die abermalige Abweisung meines Avance-
mentsgesuches, welcher ich nun entgegensehen muß, so wenig ich über
einen glücklichen erfolg freude empfunden hätte, so unangenehm ist mir
doch ein abermaliges fiasco, erstlich aus gekränkter eitelkeit, und dann weil
ich in meine vorigen dienstverhältnisse auf keinen fall zurücktreten will,
sie waren zu unangenehm. Jeden tag bereue und verwünsche ich es, daß ich
in diese gottverdammte carrière getreten.
im übrigen bin ich hier recht angenehm, wenn man die ewige hetze und
die unzahl von visiten, besonders von respects visiten abrechne, mit denen
ich noch immer nicht ganz fertig geworden bin. diese tage war ich ziemlich
viel bey lerchenfeld, wie vor zwey Jahren, und mehr noch im club, welches
ganz eine ressource in meinem genre ist. das dumme geschwätz ausge-
nommen, das einem in Wien überall in die ohren gellt. Als séjour wäre mir
Wien jetzt noch unausstehlicher als sonst, die leute sind mir da zu dumm,
oder doch zu gedankenlos, und ewig beschäftigt und keuchend mit nichts-
thun – ein wahrer geistesmord.
[Wien] 27. märz ostersonntag Abends
gott sey dank, die charwoche ist vorüber und mit ihr alle die Plackereyen
bei hofe, obwohl ich davon nur die fußwaschung am gründonnerstage und
gestern die Auferstehung und Prozession mitmachte. das langweiligste aber
war, daß man während derselben beynahe niemand zu hause traf, und ich
daher oft um meinen Abend verlegen gewesen wäre, wenn ich nicht den club
und flore gehabt hätte, bey der ich ein paar mahle meinen thee trank, auch
war ich mitunter bey lerchenfelds. die vormittage sind mir dagegen bey der
unzahl von visiten jeder Art, die ich zu machen habe, immer zu kurz, beson-
ders da man hier so früh, meistens schon um 4 uhr ißt.
heute war ich bey erzherzog ludwig, unter den umständen, die mir har-
tig mitgetheilt hatte, hielt ich es für das Beste, ihn geradezu zu bitten die
sache liegen zu lassen und mir das unangenehme einer neuerlichen Abwei-
sung zu ersparen. das versprach er mir auch und bestätigte mir übrigens,
daß auf meine Abweisung angetragen worden sey. somit wäre denn diese
sache glücklich zur ruhe gebracht. Bey mittrowsky, der mir lauter schöne
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien