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Tagebücher270
wohin sie zu reisen gedenkt, um sich darüber zu trösten, daß trautmansdorff
geheirathet hat,1 das costume, in dem sie mich empfing, war so reitzend,
und ihre Arme so blendend weiß, daß ich böse gedanken hatte, die mich noch
nicht verlassen haben. Was sie dort sucht, könnte sie ja auch hier finden.
fürstin thérèse [esterházy] habe ich trotz mehrerer Besuche noch nicht ge-
sehen, sie ist leidend und thut auf einmahl sehr zärtlich mit ihrem manne,
der seinerseits nicht ohne sie leben kann! seine erkrankung in regensburg
hatte keinen andern grund als a broken heart um seine ehehälfte! Was man
doch nicht Alles erlebt! nil desperandum, never despair, my father said when
he lost his hair – auf der etiquette eines fläschchens von macassas oil.2
ihre tochter marie chorinsky scheint sich hievon kein Beyspiel nehmen
zu wollen, denn sie gibt sehr viel zu reden: heute ein rendezvous auf der re-
doute verabredet, bey einer marchandemodes mit dem neveu des englischen
Botschafters, mr. gordon, dann wieder eine szene vorgestern in der kirche
mit einem menschen, der sie insultiren wollte etc., kurz, un tas d’histoires,
endlich ein anonymer Brief an ihren bisherigen courmacher Paul Zichy,
worüber dieser knall und fall nach constantinopel reiste, das sind so die
hauptcancans in der stadt, dazu die resignation, oder wie andre wollen, die
Abdankung der uechtritz von ihrem Platze bey Wasa, das testament lord
hertfords, über welches Zichys hier noch immer im ungewissen und dans les
angoisses sind,3 Pepi esterhazy und seine frau, die der hof aus religiösen
skrupeln noch immer nicht sehen will4 und somit auch die Wiener socie-
tät, servile wie sie ist, die intriguen der gräfin moky, um ihren sohn victor
an die immens reiche gräfin Branyitska in rußland zu verheirathen, eine
wahnsinnige passion vincenz Auerspergs für fürstinn lorchen [schwarzen-
berg] und, wie man sagt, ihrerseits für ihren cousina edmund, etc.
Justine [erdödy] ist sehr krank, sie hat den typhus, und ich zweifle sehr
an ihrem Aufkommen, es thäte mir sehr leid um sie und namentlich um ihre
familie, steffi mitinbegriffen, ich gehe oft hinaus, namentlich des Abends.
1 fürst ferdinand trauttmansdorff hatte am 17.7.1841 Prinzessin Anna liechtenstein ge-
heiratet.
2 macassa – ebenholz.
3 Zu den entwicklungen um das testament des am 1.3.1842 verstorbenen francis seymour-
Conway Marquis of Hertford und die darin bedachten Schwestern Gräfin Charlotte Zichy
und Gräfin Mathilde Berchtold, geb. Strachan, siehe Einträge v. 10.7. und 29.10.1842. Mar-
quis hertford war vormund von mathilde strachan.
4 graf Josef esterházy war seit 1841 mit Jelena Brazobazowa, einer orthodoxen russin, ver-
heiratet. seine erste, 1820 verstorbene frau war eine tochter des staatskanzlers klemens
Wenzel fürst metternich.
a korrigiert von schwager. es ist unklar, wer damit gemeint ist. Weder ein cousin ersten
grades noch ein schwager von fürstin eleonore schwarzenberg mit diesem vornamen ist
feststellbar.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien