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derselben und von meiner eigenen reiflichen überlegung überzeugte. Aber
ich gestehe es, daß ich ziemlich découragirt von ihm wegging, so ganz ohne
stütze, ohne eine Aufmunterung, wenn auch nur in Wort und meinung, wie
sollte ich das Alles durchsetzen?
da ging ich zum vicepraesidenten der hofkammer grafen szecsen, einem
alten Bekannten von mir und einem aufgeklärten staatsmanne von höhern
als bloß bureaukratischen Ansichten, wie dieses überhaupt leider bei den
ungarn viel häufiger ist, als bey uns, da fand ich denn wenigstens beyfälli-
ges gehör und anerkennende Aufmunterung, doch ist seine stellung nicht
von der Art, mir direkte behülflich seyn zu können, jedoch rechne ich auf
sein fürwort bey kübeck und fürst metternich.
heute endlich hatte ich eine unterredung mit Baron kübeck, nachdem
ein paar tage verstrichen waren, ehe ich diese erhalten konnte. er schien
mir ein aufgeklärter, gutmüthiger, schlichter mann, meine ideen schienen
ihm ganz besonders zu behagen, er lobte sie und meine Absichten und for-
derte mich auf, ihm ein mémoire in diesem sinne zu übergeben, worauf er
mir denn sämmtliche in den Amtsarchiven enthaltenen materialien mit-
theilen und mich mit leuten in verbindung setzen würde, die mir noch wei-
tere Aufschlüsse in der Art, wie ich sie brauchte und wünschte, ertheilen
könnten. er selbst, sagte er mir, würde mir dann sagen lassen, wann er wie-
der mit mir sprechen würde. kurz, das resultat dieser ersten unterredung
konnte nicht erwünschter seyn.
Wer war froher, war vergnügter als ich! endlich Anklang für meine ideen
zu finden, welche sich bisher immer von allen seiten verfolgt, sich gleichsam
ihrer selbst zu schämen anfingen, und zwar Anklang gerade dort, von wo
eine realisirung derselben vorzugsweise abhängt, also ein hoffnungsstrahl
selbst für nicht-sanguinische. gott helfe mir weiter.
ich werde mich nun über das mémoire machen und es sobald als möglich
einreichen.
im übrigen sind meine sonstigen geschäfte seit meiner letzten nicht viel
vorgerückt, mein Projekt, Papariano ausspielen zu lassen, scheint nicht aus-
führbar zu seyn,1 ich habe bereits deßhalb mit mehreren sachkundigen ge-
sprochen, welche Alle es mir widerrathen.
sonst ist mein tag nebst jenen ernsteren schritten und démarchen so
sehr durch visiten, diners, soirées, etc. in Anspruch genommen, daß ich oft
kaum weiß, wo mir der kopf steht. doch würde man sich sehr irren, Wien
deßwegen für amusant zu halten, im gegentheile gibt es nichts langweili-
geres und insipideres als die hiesige Welt mit ihrem totalen mangel an aller
1 Andrian versuchte zur Linderung seiner finanziellen Probleme seine Anteile am Familien-
gut Papariano in der grafschaft görz zu verkaufen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien