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Mai 1842
gleich am Abende dahin, und da sagte er mir, er hätte mit fürst metternich
gesprochen, der ganz bereit sey, mich zu unterstützen, mich nächstens emp-
fangen würde, indessen aber, ließe er mir sagen, möchte ich mit clemens
hügel sprechen. ich verfügte mich daher gleich am tage darauf morgens zu
Baron hügel, mit welchem ich eine sehr lange unterredung hatte, er schien
mir sehr genau über jene länder und ihre verhältnisse unterrichtet. ich
sagte ihm, was ich vom fürsten wünsche, wäre dreyerley: erstlich empfeh-
lungen, auch durch die englischen Autoritaeten, dann einen diplomatischen
charakter für die Zeit meiner reise, endlich wo möglich Aufträge in was
immer für einer richtung. hinsichtlich des erstern meinte hügel, würde es
keinen Anstand haben, ebensowenig wahrscheinlicherweise wegen des diplo-
matischen titels, obwohl er Anfangs meinte, daß dieser mir vielleicht mehr
schaden als nützen könnte, da er mich in eine Art von evidenz und Beauf-
sichtigung bringen könnte. Wegen des dritten sagte er weder Ja noch nein,
sondern rieth mir, das Alles dem fürsten selbst zu sagen und ihm zugleich
ein schriftliches mémoire ganz kurzgefaßt zu übergeben. ehe ich mich um
eine Audienz beym fürsten meldete, was, wie ich aus früherer Zeit weiß,
eine endlose sache ist, wollte ich noch einmal mit Bombelles sprechen, was
ich denn, nachdem ich es gestern umsonst versuchte, endlich heute morgens
that. da erfuhr ich denn, daß der fürst von meinem Wunsche, ihn zu spre-
chen, bereits kenntniß habe, und so ließ ich mich denn heute bey ihm vor-
merken und erwarte nun, wann er mich vorlassen wird.
endlich war ich auf heute zu graf mittrowsky bestellt worden, und nach-
dem ich anderthalb stunden antichambrirt hatte, was mir ein besonderer
genuß ist, kam ich dann zu ihm und sagte ihm, wie ich specieller lieblings-
studien wegen schon seit langer Zeit die idee einer reise nach America in
mir herum trage, von welcher ich ihm früher nicht hätte sprechen wollen, da
ich vorher wissen mußte, ob die verhältnisse überhaupt diesem unterneh-
men günstig seyen, und daß ich mich nun anfrage, ob mir ein solcher länge-
rer urlaub, falls ich ihn ansuchen sollte, bewilliget werden würde? er schien
wider mein erwarten über diese idee gar nicht ungehalten und meinte, es
würde keinem Anstande unterliegen, doch würde es wohl nur vom kaiser
bewilligt werden können. Zum theile mag an dieser guten Aufnahme wohl
auch die uniform schuld seyn, die ich wohlweislich anzog.
nach Allem diesem sehe ich sohin ein, daß es mir sehr leicht seyn wird,
jene reise ganz de mon propre chef und als bloßer Privatreisender zu un-
ternehmen, und zwar mit allen möglichen empfehlungen und facilitatio-
nen und wohl auch mit einem leeren diplomatischen titel auf dem Papiere.
Aber dann bliebe meine reise wahrscheinlich ohne das gehoffte resultat,
wenn ich auch unaufgefordert dieselben Berichte, materialien etc. einliefern
könnte, so wäre mir die regierung doch nicht so sehr zu einer Anerkennung,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien