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Mai 1842
viktplätze, Wählbarkeit, erbämter etc.) zu erlangen, mein gnadengesuch
noch hier einreichen. ich habe auch deßhalb hier bereits die nötigen schritte
gethan. geht es so ohne besondern kosten- und müheaufwand, gut, geht es
nicht, auch gut.
mich préoccupirt so eben sehr der beyspiellose fürchterliche Brand von
hamburg,1 und zwar vornehmlich weil ich für mein manuscript fürchte, wel-
ches dort liegt. Alle Buchhandlungen sollen ein raub der flammen gewor-
den seyn, welch ein gräßliches ereigniß! Wie unangenehm und störend wäre
es in jenem falle besonders für mich! die curse sind hier sehr gefallen, und
man fürchtet eine noch größere crisis als die vorjährige.
gestern nachmittags war das letzte Wettrennen, sehr schön und brillant,
noch immer viel fremde hier, d.h. fremde aus den Provinzen, und der som-
mer fängt endlich an, volksgarten, Prater etc. sehr besucht.
[Wien] 17. mai Abends
der tag meiner Abreise ist noch nicht bestimmt, doch wird es wahrschein-
lich der 21. oder 22. seyn. denn da ich mit Pallavicini fahre, so muß ich mich
nach ihm richten, ich halte aber darauf, mit ihm zu reisen, weil dieses im
falle ich spaur nichts von meiner beabsichtigten entrevue mit cotta zu
sagen für gut finden sollte, mir dazu dienen wird, es ihm zu erklären, wa-
rum ich bey meiner rückreise das Ausland berühre. Am 31. aber wollen wir
beyde in mailand seyn.
ich war diese tage mit visiten, Anstalten zur Abreise und mit der Bestel-
lung meiner geschäfte mit der sparkasse beschäftiget. ich habe mit Bom-
belles gesprochen und im versuchswege von der Beygabe eines Botanikers
auf staatskosten ein Wort fallen lassen, er aber meinte, wie ich von geldbe-
willigungen zu reden anfinge, würde ich auf große schwierigkeiten stoßen.
da wäre ich also noch nicht weit gekommen, denn dieses bleibt immer der
hauptpunkt, ja jetzt, da ich der Billigung und theilnahme der höchsten ma-
tadors versichert bin, der einzige, von dem meine reise abhängt.
überhaupt kann ich mir unter diesen umständen eine solche pecuniaire
unterstützung nur auf zwey Wegen erwirken, entweder im Privatwege,
nähmlich von cotta, dem triester handelsgremium etc., oder von seiten der
regierung durch eine immediate Allerhöchste Protektion, nämlich direkte
von hofe, jede geringere Protektion würde mich nicht zum Ziele führen. lei-
der ist erzherzog Johann nicht hier, vielleicht kann ich mit erzherzog ste-
phan in mailand etwas richten. mir fehlt ein nahme, d.h. die Berühmtheit,
eine Art von persönlicher, litterärischer oder sonstiger illustration, hätte ich
1 durch den großen hamburger stadtbrand wurde vom 5.–8.mai 1842 etwa ein viertel der
stadt (ca. 1.700 häuser) zerstört, über 20.000 menschen wurden obdachlos.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien