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dieses, so ginge Alles viel leichter, so aber müßte ich, wenn alle stricke rei-
ßen, mir erst diese zu verschaffen suchen. und mein Buch, das wahrschein-
lich eben jetzt in hamburg mit campe’s verlag abgebrannt ist! so gesellt
sich zu dem großen nationalunglücke mein eigenes.
ich war bisher unschlüssig, ob ich, noch ehe ich abreise, mit graf ko-
lowrat von meinen Projekten sprechen sollte, theils aber schien graf hartig
es mir letzthin zu widerrathen, theils fand ich es selbst jetzt für überflüssig.
erzherzogin sophie ist vorgestern mit einem Prinzen entbunden worden, der
gestern getauft wurde, ich wohnte aber dieser ceremonie nicht bey.
letzthin hatten wir ein schönes schauspiel: ein Bataillon grenadiere ka-
men auf der eisenbahn von Brünn, eine menge menschen dort, der kaiser
auch, und ebenso auch ich mit damen, vortrefflich placirt.1
heute war ich mit Josephine Wallis, flore und carl reischach per eisen-
bahn in gloggnitz, und von da in dem herrlichen thale reichenau, wo wir
aßen, spatzieren gingen etc. um 1/2 10 Abends waren wir wieder hier, eine
ganz charmante Parthie.2 ich ging noch den Abend zu metternich, wo zwey
kleine stücke gegeben wurden, es waren ziemlich viel leute da.
[Wien] 20. mai Abends
übermorgen früh 10 uhr reise ich mit Arthur Pallavicini von hier ab, gehe
nach münchen, fahre von da gleich über Augsburg nach stuttgart, wo ich
mit cotta sprechen will, um zu sehen, ob sich mit ihm irgend ein Arrange-
ment treffen läßt, welches mir in pecuniärer hinsicht bey meiner reise von
nutzen seyn könnte, komme dann sogleich nach münchen zurück, wo mich
Pallavicini erwartet, und will am 31. in mailand zurück seyn.
vorgestern hatte ich eine lange unterredung mit hocheder, der im dien-
ste einer englischen Bergbaucompagnie beynahe 12 Jahre lang in Brasilien
lebte, ein sehr gebildeter gescheidter mann, wir berechneten mit einander die
kosten meiner projektirten reise, worüber er sehr genaue daten zu geben
im stande ist, und brachten heraus, daß ein ungefähr dritthalbjähriger Auf-
enthalt in nord-, mittel- und südamerika nebst den Antillen Alles in Allem,
sehr generös berechnet, höchstens 12.000 fl cm kosten würde, d.h. von dem
Augenblicke da ich europa verlasse, bis zu dem da ich es wieder betrete. das
wäre dann nicht viel, und das gibt mir wieder neuen muth. heute sprach ich
ihn wieder, er sagte mir, der kustos des naturaliencabinets, natterer, welcher
durch 17 Jahre in zoologischen forschungen südamerika bereiste, brenne vor
1 es handelte sich um den ersten großen truppentransport (850 mann) per Bahn von Brünn
nach Wien.
2 die Bahn Wien-gloggnitz war am 5.5.1842 feierlich eröffnet worden, nachdem die teilstre-
cke von Wien bis Wiener neustadt bereits seit Juni 1841 in Betrieb war.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien