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Tagebücher298
sen wünschte, war, ob cotta überhaupt auf meine Anträge eingehen wolle,
und welche Bedingungen er mir ungefähr stellen würde.
um 1/2 10 uhr in Augsburg angekommen, wo ich im grünen hofe abstieg,
frühstückte ich daselbst, las die vielen bayerischen Zeitungen, freute mich
über die hier im vergleiche zu oesterreich große und heilsame Publicitaet
und ging nach 11 uhr in die redaktion der allgemeinen Zeitung zu dr. kolb,
dem haupt-redacteur, ich fand ihn ganz so, wie ich mir ihn gedacht und ei-
nen treuen Ausdruck seines Blattes: äußerlich kalt und zurückhaltend, aber
voll gluth und überzeugung für seine sache, voll wahrer, inniger liebe für
deutschland, für die menschheit und einen fortschritt zum Bessern wenn
auch nicht kopfüber, doch schneller als ihn leider unser deutschland geht,
dabey eine Art von stiller trauer über sein ganzes Wesen ausgegossen und
nicht ohne eine kleine Zugabe stiller schwärmerey, kurz ganz so wie ich
mir Arndt, görres und ihre genossen in den Jahren 1812–14 vorstelle, im
Äußerlichen gefällig, aber ernst und wortkarg, ein mann anscheinend von
35–36 Jahren. ich sagte ihm, was mich zu ihm führe, wie ich die Absicht
hätte, mittel- und südamerika zu besuchen und wahrscheinlich von meiner
regierung Aufträge von commercieller natur erhalten würde, und wie ich
nebstbey geneigt wäre, während meiner reise Berichte und Artikel an cotta
einzusenden, wenn sich hierüber ein Arrangement treffen ließe. er versi-
cherte mich sogleich, mit Ausnahme der vereinigten staaten, wo sie bereits
zwey gute correspondenten hätten, sey dieser Antrag cotta sehr erwünscht,
und er könne mir in dessen nahmen ein honorar von mindestens 8 louisd’or
per Bogen zusichern, ich hätte vorgezogen, ein fixes Jahresgeld zu erhalten,
um im voraus darauf rechnen zu können, das aber, sagte kolb, liege nicht in
cotta’s gewohnheiten, übrigens wären diese finanziellen näheren Arrange-
ments ebensogut brieflich zu ordnen, und man würde mir gewiß so bereitwil-
lig als möglich entgegenkommen.
Wir sprachen dann noch sehr lange, beynahe anderthalb stunden, von po-
litischen gegenständen, von der lage deutschlands und oesterreichs, von
redactionsverhältnissen etc., er sagte mir, seit einigen Jahren habe die Abon-
nentenzahl in oesterreich abgenommen, worüber er froh sey, um nicht gar
zu abhängig von oesterreich zu werden, übrigens ist er oesterreich durch-
aus nicht abgeneigt und scheint als süddeutscher mehr sympathie dafür zu
empfinden, als für das abstoßende und, wie er sagte, prahlerische Preußen,
er rühmte die humane Weise der österreichischen staatsmänner, die er vor
2 Jahren in Wien kennen gelernt habe, und bedauerte sehr, daß oesterreich
durch die im Auslande verbreitete, und auch seiner meinung nach übertrie-
bene, furcht vor seiner Polizey und strenge die hegemonie über deutschland
aus den händen gegeben habe. er fragte dann über verschiedene Personal-
und sachverhältnisse, über fürst metternich, seine umgebung, kübeck, die
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien