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Mai 1842
neuesten materiellen reformen in oesterreich etc., worüber ich ihm offenen
Aufschluß gab, als es dabey nichts verfängliches gab, und zugleich ihn auf
die untauglichkeit seines Wiener correspondenten aufmerksam machte,
worin er mit mir einstimmte und auf meine Bemerkung viel gewicht zu legen
schien. er fragte mich, ob ich schon etwas hätte drucken lassen, was ich ver-
neinte, und ob ich ihm nicht in mailand einen correspondenten verschaffen
könnte, ich versprach ihm, daran zu denken, und daß ich selbst ihm vielleicht
fürs erste einige Artikel einsenden würde. dann sprachen wir über ungarn
und die dortigen Bemühungen des magyarismus, den slavismus zu unter-
drücken, worüber er sehr unterrichtet schien, über mailändische verhält-
nisse etc. endlich schieden wir wie ein Paar alte Bekannte, und er versprach
mir, mich um 3 uhr im gasthofe zu besuchen.
da er mich wiederholt versichert hatte, eine weitere rücksprache mit
cotta sey durchaus nicht nöthig, und ich ohnehin wußte, daß cotta selbst
sehr wenig thut und seine rechte hand roth abwesend ist, so gab ich meine
fahrt nach stuttgart mit vergnügen auf und beschloß, Abends 7 uhr mit der
eisenbahn nach münchen zurück zu kehren. ich that dieses nebst einer ge-
rechten scheu vor den fatigues einer so eiligen hin- und herreise besonders
deßhalb sehr gerne, weil ich voraussah, daß meine Anwesenheit in stuttgart
nicht verborgen bleiben könne, da ich sowohl mit graf Buol als ganz beson-
ders mit franz lützow bekannt bin, und durch diese hätte man es wieder in
Wien erfahren.
von meinem neuen freunde kolb weg ging ich zu meiner cousine louise,
vermählter regierungsräthin von hornberg, ich fand sie mit ihrer schwester
malchen und ihrem manne, einem gutmüthigen geschäftigen, eiteln männ-
lein. Alle hatten eine große freude über mich, und ich mußte mit malchen
zu ihrer schwester clementine durich,1 ebenfalls einer tochter onkel fer-
dinands, da lernte ich dann ihn und sie kennen. Beyde so spießbürgerlich
als nur möglich, ich war froh, wie ich draußen war, doch schienen es mir
achtungswerthe und zufriedene leute. dann mußte ich mit hornberg bey
der table d’hôte in der traube essen, wo wir auch den major von hailbronner
(verfasser der cartons etc.)2 treffen sollten, doch war er leider gebethen und
konnte daher nicht kommen. nach dem essen gingen wir wieder zu lou-
ise, wo die ganze sippschaft beysammen war, mich zu sehen. dort tranken
wir unsern caffeh, und dann empfahl ich mich, denn um den rest meiner
Zeit frey zu behalten, sagte ich ihnen, ich würde schon mit dem train von
1 laut den einschlägigen Adelslexika war clementine Andrian-Werburg mit einem bayeri-
schen oberstabsarzt dürig verheiratet.
2 karl hailbronner, cartons aus der reisemappe eines deutschen touristen. 3 Bde. (stutt-
gart 1837).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien