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Tagebücher306
raschung, daß gabrielle, die selbst erst tages zuvor von genf angekommen
war, mir noch keinen Bedienten gefunden hatte, ich mußte dann, sehr gegen
meinen Willen, bey Arthur in der caserne übernachten. toilette zu machen,
hatte ich keine lust mehr, und so versuchte ich bloß gabrielle noch zu se-
hen, die aber mit dem hofe im theater war, endlich traf ich sie gegen 11
uhr, als sie nach hause kam, ich wäre gerne gleich nach dem ersten verun-
glückten versuche schlafen gegangen, aber es war unmöglich, da bey Arthur
noch nichts gerichtet war. so viel wir uns auch zu erzählen hatten, so blieb
ich doch nur eine halbe stunde bey gabrielle und ging dann schlafen.
gestern frühe 11 uhr ging ich vor Allem zu Wengersky, da ich einen Brief
erzherzog carl’s an seinen sohn zu übergeben hatte, er führte mich gleich
zu erzherzog carl ferdinand, den ich ziemlich lange sprach.
gegen 1/2 2 ging ich zu spaur, er empfing mich sehr gut, und ich mußte
ihm über das, was ich in Wien hinsichtlich meiner reiseprojekte gethan und
erwirkt hatte, Bericht erstatten. dieser schien auf ihn den eindruck zu ma-
chen, als ob die sache noch ziemlich auf die lange Bank geschoben werden
dürfte, ich bath ihn dann sehr dringend, mich dem gubernium zuzutheilen,
um mich aus den unangenehmen dienstverhältnissen bey der delegation
zu reißen, doch wollte er nichts davon hören, meinte, das ginge bey meiner
ämtlichen Bestimmung nicht an, und der delegat sey mir durchaus nicht ab-
geneigt, und wenn ich wahren eifer zeigte, so würde mir dieses nirgends so
zum vortheile gereichen, als eben dort, mais le moyen eifer zu zeigen, wenn
man so gar keinen in sich fühlt! kurz dieser Besuch scheiterte zu meinem
großen, sehr großen verdrusse.
der rest des tages verging ganz wie ein gewöhnlicher langweiliger mai-
länder tag: bey cova, auf dem corso, und den Abend zum theile bey gabri-
elle, zum theil in der scala.
mir war gleich bey meiner Ankunft gestern den ganzen tag und wohl
auch noch heute so trübselig zu muthe, wie mir seit lange nicht gewesen,
so wie mir sonst in jüngeren Jahren zu muthe zu seyn pflegte, wenn ich von
angenehmen reisen zurück kehrte, darüber glaubte ich nun hinaus zu seyn,
aber das unangenehme, unausstehliche meiner spießbürgerlichen existenz,
meiner mir so unaussprechlich verhaßten Beschäftigungen, meine einförmi-
gen uninteressanten umgebungen, Alles dieses und noch hundert andere
dinge stürmte auf mich ein und drückte mich zu Boden. in meiner mut-
losigkeit erschien und erscheint mir die Aussicht auf eine Änderung, und
zumal auf die Ausführung meines lieblingsprojektes, ferner und ungewisser
als jemals, und hier in mailand, fern von dem politischen conteur unserer
staatsmaschine, kam ich mir so ganz verlassen und vergessen vor. das wird
wohl auch besser werden, und mein froher muth wird wieder kommen. denn
ich bin entschlossen, mich dergleichen despondencies nicht wieder hinzuge-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien