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Tagebücher310
war, ich sah galen ein paar mahl, die Prinzessinn aber unwohlseyns halber
nicht.
meraviglia hat vorgestern der schlag getroffen, der sich vergangene
nacht wiederholte, man erwartet stündlich seinen tod, vor einem Jahr seine
frau, jetzt er, das ist doch schrecklich. erzherzog carl ferdinand geht mor-
gen nach Petersburg ab, um der silbernen hochzeit des kaiserpaares beyzu-
wohnen.
ich habe in diesen letzten tagen mehrere Bekannte aus florenz hier
getroffen, die ich dann über die dortigen cancans ausfragte, so die Paldi,
orsini, schwaikheim etc. florenz scheint hintendrein ziemlich langwei-
lig geworden zu seyn, und geträtsch ohne ende, der Prinzessinn Wasas
Amours mit Jerôme montfort, das Zetergeschrey ihres weisen gatten, der
Jerômes vater zu hülfe rief, die entlassung des jungen herrn aus würtem-
bergischen diensten, hélène Würtemberg’s lächerliche geschichten und
die plötzliche sehr willkommene Abreise ihres mannes unwohlseyns hal-
ber, charles Poniatowsky’s (den ich en passant in Wien sah) intrigues mit
henriette uechtritz, die ich jedoch kaum glauben kann, und mit der mutter
und tochter lobanoff, welche letztere nun seit seiner Abreise zum großen
neide ihrer mutter in seinem Bette neben der fürstinn liegt, eine menge
solch dummes Zeug, mir theils neu, theils schon bekannt, mußte ich mir da
erzählen lassen. clotilde, deren onkel schon seit lange mit lapouchins weg
ist, hat sich ein Privatquartier genommen und scheint ganz für eine kleine
coterie bestehend aus schwaikheims, diviéres, Allegri, lady holland, ca-
rega, etc. und wie natürlich Brockhausen zu leben, doch sagt man mir, sie
scheine sich nicht gar viel aus ihm zu machen, während er hingegen rasend
verliebt thue. dagegen scheint die florentiner Welt lui avoir jeté la pierre,
was zu meiner Zeit bey Weitem nicht der fall war, ich kann es schwer be-
greifen, daß sie, die so gutherzig und freundlich gegen Jedermann, dabey so
ganz inoffensive und so gar nicht boshaft ist, doch überall das unglück hat,
von der Welt ungünstig, ja feindselig beurtheilt zu werden. diese verzeiht
nichts schwerer als koketterie, und Alle die sich einbildeten, bey einer sol-
chen frau leicht zu réussiren, werden ihre feinde, so wie sie sich disappoin-
tirt sehen.
man sieht aus Allem dem, daß ich trotz ihrer untreue gar kein fiel gegen
sie habe, sondern wie schnell dieser rausch verflog, es war ein bloßer kopf-
rausch wie von champagner – warum aber schreibt sie mir nicht mehr? das
that sie doch sonst immer, als ihr verhältniß zu Brockhausen noch in voller,
ungeknickter Blüthe stand.
natalie Palffy soll nun doch hieher kommen, das wäre mir ganz recht,
so hätte ich eine Beschäftigung. clotilde geht nun bald nach neapel, wo
Brockhausen endlich gesandter geworden ist, und wird bis zum kommen-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien