Page - 315 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 315 -
Text of the Page - 315 -
31524.
Juli 1842
überhaupt erschrecke ich selbst über meine gegenwärtige unproducti-
vitaet, nicht für das lesen und studiren, welches ich im gegentheile jetzt
fast mehr als sonst treibe, wohl aber fürs schreiben, selbstproduciren, fühle
ich jetzt eine unüberwindliche Abneigung und unvermögenheit. ich soll nun
bald an kolb, der Anfangs August nach Augsburg zurückkehrt, verabrede-
ter maßen einen Artikel einsenden, und zerbreche mir nun schon lange den
kopf, was und über was ich schreiben soll. ich muß, sobald ich kann, ein
paar tage aufs land, vielleicht kommt da der heilige geist über mich. das
leben, das ich führe, ist aber auch zu einförmig und langweilig, gar keine
Anregung für den geist, da muß er wohl einschlafen.
die schreckliche catastrophe des herzogs von orleans erfuhren wir hier
am 17., welche unabsehbaren folgen!1 so wie die republikaner in frank-
reich jauchzen, so wachsen nun auch wieder die hoffnungen der hiesigen
hasenfüße, übrigens hat es gerade in dieser letzten Zeit einige reibungen
gegeben, so außer der großen Judenrevolution in mantua, worüber letzthin
in der hiesigen Zeitung ein misérabler Artikel erschien, auch noch in monza
durch eine Prügeley zwischen einem soldaten und einigen civilisten, und in
Arsago bey gallarate etc.
von Zeit zu Zeit gibt man hier spectakel in der Arena, so gestern ein ganz
besonders glänzendes, wobey die Arena mit Wasser eingelassen war, und
es regatta, schwimmwetten, mats de cocagne, feuerwerk etc. gab. es wa-
ren über 30.000 Zuschauer. die taglioni bringt den sommer zwischen hier
und monza zu, bey ihr ist als amant en titre ein fürst trubetzkoi, der ganz
distinguirt ist, ein Bischen fanfaron jedoch, wie alle russen. es flog ein
gänschen über den rhein – und kam als gänserich wieder heim. davon
hatte ich in diesen tagen ein paar sehr amusante specimen, erstlich an siga
Zichy, der hier lebt und soeben von constantinopel kommt, und von nichts
zu erzählen weiß als von den Bordellen und Pfeifenröhren, und diese tage
an Arthur Bathiany und forray, welche aus egypten zurückkehrend hier
durchkamen. natalie Palfy ist, wie ich höre, in castellamare und läßt sich
von Jerôme monfort den hof machen, Brockhausen ist in neapel, clotilde in
lucca etc. große revirements in unserem diplomatischen corps sollen be-
vorstehen, felix schwarzenberg ist einstweilen hieher zurückgekehrt, Bom-
belles und lützow wollen durchaus andere Posten, reviczky, trautmansdorf
und lebzeltern ziehen sich zurück, so wie auch fürst Paul.2
1 der französische thronfolger ferdinand Philippe herzog v. orleans war am 13.7.1842 ge-
storben. er war, nachdem die Pferde durchgingen, aus einer kutsche abgesprungen.
2 ein größeres revirement blieb aus. graf Adam reviczky war bereits im April 1842 als
gesandter in florenz abberufen worden und aus dem aktiven dienst ausgeschieden, fürst
Paul esterházy verließ mit 31.10.1842 london, wo er seit 1815 als Botschafter tätig war.
graf ludwig Bombelles blieb bis märz 1843 in Bern, graf ludwig lebzeltern bis 1844 in
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien