Page - 322 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
Image of the Page - 322 -
Text of the Page - 322 -
Tagebücher322
dem aristokratischen england bey der berühmten discussion im Jahre 1788
nicht aufgegeben haben. Aber was nützt der todte Buchstabe des gesetzes,
wenn wie in frankreich die grundlage des nationalkharakters, der konsti-
tutionelle sinn, die legalität, mangelt?
ich war vorgestern mit Pachta und Pergen in Bergamo zur fiera, ziemlich
langweilig wie alle dergleichen späße. das theater übrigens vortrefflich: lu-
crezia Borgia mit der frezzolini, salvi, ferlotti etc. im Ballett tanzte meine
ehemalige flamme Pirovano, nunmehr madame merante, ziemlich mittel-
mäßig.
Auffallend ist mir, daß öttl, welcher doch sonst so dienstfertig und bereit-
willig war, mir nun schon seit ein paar monathen nicht schreibt. oder sollte
er vielleicht abwesend seyn? Auch von heinrich ritter so wie von Weikers-
heim aus Wien erwarte ich noch immer die Antworten auf Briefe, welche ich
ihnen in Angelegenheiten meiner reise, der handelsverhältnisse zu jenen
ländern etc. geschrieben habe. dagegen ist mir aus triest von einer andern
seite her ein umfassender Bericht in dieser Beziehung angekündigt worden,
welchem ich nun entgegensehe. ebenso habe ich auf die Andeutung Professor
mohl’s hin an den würtembergischen landtagsabgeordneten von Werner in
reutlingen, den hauptbeförderer des deutschen Auswanderungs- und kolo-
nisationswesens, geschrieben, und mich mit ihm in verbindung gesetzt. end-
lich habe ich in diesen tagen an Prokop lazanzky geschrieben und ihn neben
mehreren anderen dingen auch darum gebethen, mir über das schicksal der
bewußten vorstellung der triester Börsedeputation nachricht zu geben.
diese und mehrere andere Briefe habe ich in die Welt geschickt, einige da-
von sind bisher beantwortet worden, andere nicht, wieder andere, z.B. ran-
sonnet, an welchen ich auf einen mir von Wien aus gegebenen Wink schrieb,
und der, wie man mir schon früher gesagt hatte, an der sache so wie an
dem schicksale der friedrichsthal’schen Papiere großen Antheil zu nehmen
schien, haben mich mit banalen Phrasen abgefertiget. das geht einmahl
nicht anders. Auch ist dieses gegenwärtig nicht die hauptsache. diese ist:
das geld zusammen zu kriegen und zu diesem ende erzherzog stephan’s
versprochene vermittlung, auf die ich denn auch mit Zuversicht zähle.
mittlerweilen muß ich nur suchen, über den stand und die Bedürfnisse des
österreichischen handels nach jenen ländern im currenten zu bleiben,
und wenn ich zu diesem ende einen correspondenten in Wien und einen in
triest habe, so ist das Alles was ich brauche. diplomatische und ämtliche
ereignisse in dieser Beziehung hoffe ich, wenn ja welche vorfallen sollten,
durch lazanzky und auch sonst zu erfahren. indessen lese und studire ich,
wie sich von selbst versteht, und verlege mich nebstbey auf das studium der
geologie, als welche bey meiner reise einen vorzugsweise interessanten ge-
genstand abgeben dürfte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien