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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Volume I
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32514. September 1842 mehr eine Begeisterung, sondern höchstens eine tiefe ernste überzeugung. Politische, finanzielle reformen, so radikal und richtig sie auch seyen, er- wecken nichts dergleichen in mir, ich bin dem Weltschauplatze und dem centrum aller, selbst der großartigsten thätigkeit näher getreten, und wie es geht, der nimbus, die Poësie ist verflogen, ich sehe nun ein, daß man mit eben dem spießbürgerlichen gleichmuthe millionen regieren kann, mit wel- chem ein anderer seine erdäpfel gräbt. und das schmerzt mich, denn da- mals war herz und gemüth reicher, obwohl vielleicht der kopf, wenigstens der praktische verstand ärmer. künstler und dichter mögen von diesem allgemeinen roste eine Ausnahme machen, vielleicht, aber leider fühle ich mich weder für den einen noch für den Anderen geboren. Wäre ich vor 60 Jahren zu Welt gekommen, so hätten mich die großen ideen von 1789 begei- stert, jetzt sind diese so bekannt und abgedroschen, sie sind wie die schönste musik auf die leyerkästen und drehorgeln gekommen, und da ist es denn auch hier mit der Begeisterung alle, kurz es ist aus, aber manchmal, freylich nicht oft, beschleicht mich die erinnerung an den ehemaligen reichthum meines gemüthes wie ein rachegespenst, und dann möchte ich dieser zu früh dahingeschiedenen schwester nachweinen. könnte ich nur einmahl noch irgendwo mich verlieben, um zum letzten mahle noch das Jubilaeum je- ner empfindungen zu feyern, aber auch mit dieser empfänglichkeit, fürchte ich, ist es vorbey. darum hinaus, gebt mir ein Pferd. [mailand] 14. september vorgestern erhielt ich einen Brief von kolb, er erinnerte mich an mein ver- sprechen, mit cotta in der bewußten Angelegenheit rücksprache zu neh- men, und bath mich dringend, dieses zu thun, indem sowohl er als cotta einen sehr hohen Werth auf meine reisemitteilungen legten und jede an- nehmbare Bedingung einzugehen geneigt wären.1 der grund, warum ich so- lange weder an den einen noch an den Andern schrieb, war erstlich, weil ich bis zum Antritte meiner reise noch Zeit genug dazu vor mir hatte, und dann, weil ich kolb einen Aufsatz für seine Zeitung, die Allgemeine, versprochen hatte, und ihm diesen gerne zugleich mit jenem Briefe geschickt hätte. ich bin aber gegenwärtig, und schon seit ein Paar monathen, so unproduktiv und gedankenarm, daß es mir rein unmöglich gewesen wäre, etwas vernünf- tiges zu tage zu fördern. nebstdem bin ich auch noch nicht einmahl über den gegenstand desselben im reinen. Außerhalb eines centrums politischer Aktivität hier in mailand wohnend, kann ich ihm weder frische politische neuigkeiten, noch wohl gründliche, sach- und terrainkundige raisonne- ments liefern, bevor noch diese ihm bereits ebensogut von anderwärts zu- 1 gustav kolb an Andrian, 24.8.1842 (k. 114, umschlag 663).
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Volume I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Subtitle
Tagebücher 1839–1858
Volume
I
Author
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Editor
Franz Adlgasser
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2011
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
744
Keywords
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Category
Biographien

Table of contents

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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