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32514.
September 1842
mehr eine Begeisterung, sondern höchstens eine tiefe ernste überzeugung.
Politische, finanzielle reformen, so radikal und richtig sie auch seyen, er-
wecken nichts dergleichen in mir, ich bin dem Weltschauplatze und dem
centrum aller, selbst der großartigsten thätigkeit näher getreten, und wie
es geht, der nimbus, die Poësie ist verflogen, ich sehe nun ein, daß man mit
eben dem spießbürgerlichen gleichmuthe millionen regieren kann, mit wel-
chem ein anderer seine erdäpfel gräbt. und das schmerzt mich, denn da-
mals war herz und gemüth reicher, obwohl vielleicht der kopf, wenigstens
der praktische verstand ärmer. künstler und dichter mögen von diesem
allgemeinen roste eine Ausnahme machen, vielleicht, aber leider fühle ich
mich weder für den einen noch für den Anderen geboren. Wäre ich vor 60
Jahren zu Welt gekommen, so hätten mich die großen ideen von 1789 begei-
stert, jetzt sind diese so bekannt und abgedroschen, sie sind wie die schönste
musik auf die leyerkästen und drehorgeln gekommen, und da ist es denn
auch hier mit der Begeisterung alle, kurz es ist aus, aber manchmal, freylich
nicht oft, beschleicht mich die erinnerung an den ehemaligen reichthum
meines gemüthes wie ein rachegespenst, und dann möchte ich dieser zu
früh dahingeschiedenen schwester nachweinen. könnte ich nur einmahl
noch irgendwo mich verlieben, um zum letzten mahle noch das Jubilaeum je-
ner empfindungen zu feyern, aber auch mit dieser empfänglichkeit, fürchte
ich, ist es vorbey. darum hinaus, gebt mir ein Pferd.
[mailand] 14. september
vorgestern erhielt ich einen Brief von kolb, er erinnerte mich an mein ver-
sprechen, mit cotta in der bewußten Angelegenheit rücksprache zu neh-
men, und bath mich dringend, dieses zu thun, indem sowohl er als cotta
einen sehr hohen Werth auf meine reisemitteilungen legten und jede an-
nehmbare Bedingung einzugehen geneigt wären.1 der grund, warum ich so-
lange weder an den einen noch an den Andern schrieb, war erstlich, weil ich
bis zum Antritte meiner reise noch Zeit genug dazu vor mir hatte, und dann,
weil ich kolb einen Aufsatz für seine Zeitung, die Allgemeine, versprochen
hatte, und ihm diesen gerne zugleich mit jenem Briefe geschickt hätte. ich
bin aber gegenwärtig, und schon seit ein Paar monathen, so unproduktiv
und gedankenarm, daß es mir rein unmöglich gewesen wäre, etwas vernünf-
tiges zu tage zu fördern. nebstdem bin ich auch noch nicht einmahl über
den gegenstand desselben im reinen. Außerhalb eines centrums politischer
Aktivität hier in mailand wohnend, kann ich ihm weder frische politische
neuigkeiten, noch wohl gründliche, sach- und terrainkundige raisonne-
ments liefern, bevor noch diese ihm bereits ebensogut von anderwärts zu-
1 gustav kolb an Andrian, 24.8.1842 (k. 114, umschlag 663).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien