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3272.
Oktober 1842
meraviglia, welcher vorgestern nach Wien abreisen sollte, wurde eine halbe
stunde früher von einem neuen schlaganfalle getroffen und liegt nun wie-
der zwischen leben und sterben. sonst nicht viel neues, einige sehr elende
schriften über oesterreich sind in letzter Zeit erschienen, unter andern ein
verzeichniß sämmtlicher österreichischen spione im in- und Auslande, das
ist doch stark!
es ist mit einem mahle herbst geworden, fortdauernder regen und emp-
findliche kälte, doch hoffe ich auf einen schönen nachherbst, denn ich denke
ende dieses monathes auf 8 bis 10 tage zu verreisen, wohin? weiß ich noch
nicht, in die schweiz kann ich wohl kaum mehr, vielleicht aber doch we-
nigstens nach der italiänischen schweiz und dem lago maggiore, vielleicht
auch nach genua. vielleicht auch gehe ich Anfangs oktober in das lager
bey verona, wo eine unzahl erzherzoge eintreffen soll. en attendant, je file
le parfait amour mit meiner hübschen elise Berndis, es ist dieß ein Zeitver-
treib wie ein anderer.
mailand 2. oktober 1842
vorgestern kam ich von meiner excursion zurück, welche aber, dank sey es
dem beständigen regen, vollkommen verunglückte. vor ungefähr 14 tagen
machte mir neipperg den vorschlag, mit ihm einen Ausflug in die schweiz
zu machen, und man kann sich denken, daß ich ihn mit wahrer Passion auf-
nahm. unsere Absicht war, von como, wohin er mir vorausgehen sollte, über
lugano auf den sct. gotthard zu gehen, dort über die furka und grimsel,
meyringen, grindelwald und lauterbrunnen nach interlaken, meinem ge-
liebten herrlichen interlaken herabzusteigen, von da über thun, Bern und
luzern wieder über den gotthard zu gehen und nach ungefähr 10–11 tagen
in como zurück zu seyn. der Plan war schön, aber die Zeit um ein monath
zu spät. der ganze september war von beständigen regen und gewittern
begleitet, am 23. heiterte es sich auf, und eben an diesem tage fuhr ich über
monza, mit der eisenbahn, Paina, mariano und cantù nach como, wo ich,
wie wir verabredet hatten, im monte Brianzo abstieg, wo neipperg auf mich
wartete. tags darauf aber, als wir abfahren sollten, regnete es wie aus schef-
feln, und obwohl es sich an demselben tage nachher wieder aufheiterte, so
gaben wir doch unsere gotthard-reise auf, zumal da wir hörten, derselbe
liege voll schnee und sey kaum zu passiren. Wäre nicht neipperg gewesen,
der mit seiner gewohnten lebhaftigkeit diesen Plan ebenso entschieden auf-
gab, als er ihn früher gefaßt hatte, ich hätte mich nicht so leicht abschrecken
lassen, und es that mir ordentlich leid, mein schönes luzern nicht zu sehen.
statt dessen benützten wir jenen schönen tag zu einer ganz charmanten
excursion in die villa d’este, welche wir, sowie den herrlichen garten, ganz
en détail sahen, da der neffe des eigenthümers, Besano, mit uns herumging
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien