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Tagebücher330
zu begegnen, und wüßte auch jetzt keinen besondern Werth mehr darauf
zu legen. dieses sind die gedanken, die jener Brief in mir erregte, der ge-
genstand und eigentliche Zweck desselben ließ mich kalt, denn über diesen
Punkt bin ich entweder schon hinaus oder noch nicht dabey angelangt.
[mailand] 14. oktober
seit ich nun hier in mailand sitze und nicht weg kann, ist es das schönste
Wetter von der Welt, mitunter sogar noch recht warm, was hätte ich vor
drey Wochen um 10 solche tage gegeben. Aber so kann ich davon nicht
profitiren oder doch höchstens auf Stunden, so fuhr ich z.B. neulich mit
gabrielle von monza aus nach gernetto, dem landsitze des grafen melle-
rio, am eingange der Brianza, in einer sehr schönen gegend. diese tage
wollte ich zu carcano nach Agliate gehen, kam aber nicht dazu, da ich nun
theils durch vorübergehende erkrankungen, theils durch die Abwesenheit
der übrigen, die leitung der delegation über mich habe, doch hoffentlich
nur auf wenige tage. meine sonstigen Projekte für die noch übrige Zeit des
Herbstes reduciren sich auf einen Ausflug nach Inzago, wo man mich zu
zwey casino Bällen, die dort gegeben werden sollen, eingeladen hat, und
vielleicht auf eine visite von einem oder zwey tagen bey carpani in crippa.
das große lager bey castiglione ist zu ende, die manœuvers vom 3. bis
7. sollen sehr gut ausgefallen seyn, besonders brillant aber war die Parade
am 7., gegen 26.000 mann, und nicht weniger als 7 erzherzoge, darunter
franz carl, ich wäre sehr gerne dahin gefahren, wozu ich auch vielfältig
eingeladen worden war. Anfangs hoffte ich, daß mich der gouverneur mit-
nehmen würde, dann suchte ich einen Reisegesellschafter zu finden, fand
aber keinen, und somit, und weil ich auch sonst nicht recht wußte, wie ich
dort Alles finden würde, unterließ ich es, jedoch zu meinem großen Bedau-
ern, welches nun, da ich die relationen der mittlerweile zurückgekehrten
militairs vernommen habe, um nichts geringer geworden ist, überhaupt
sollte man, ohne erst viel nachzudenken, ob es auch die mühe lohne, soviel
als möglich unternehmen, hat man sich dann dabey auch mitunter ennu-
yirt, so hat man doch eine erinnerung und ein Bild mehr für das gedächt-
nis mitgebracht.
es wird nun nach und nach lebhafter. Alles rückt vom lager wieder ein,
und die liebenswürdige corps-de-garde-gesellschaft bey cova ist nun so
ziemlich wieder beysammen. Außer dem aber Alles todt und stille, denn die
mailänder sind noch Alle auf dem lande, fremde, d.i. durchreisende, die
menge, aber wenig oder gar keine von meinen Bekannten darunter. Beynahe
alle meine Abende bringe ich bey den Berndis zu, welche nun seit einiger
Zeit beyde unwohl sind und an halsschmerzen leiden, groß ist die unterhal-
tung dabey auch nicht, obwohl elise ein sehr liebenswürdiges geschöpf ist,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien