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Tagebücher336
auf ein andermal aufsparen. es that mir leid, denn ich hätte ihn gerne über
colonisations- und Auswanderungsverhältnisse in deutschland gesprochen,
was sein ganz specielles fach zu seyn scheint.
gestern erfuhr ich das falliment, wie man es jetzt nennt, meines onkel
müller in Wien, es soll gegen eine million fl. cm betragen und viele leute,
darunter eynatten’s, dadurch unglücklich geworden seyn. man schreibt es
Aktienspeculationen zu, ich aber, der es besser weiß, sah so etwas, nur nicht
so eclatant und bald, längst voraus, es war rein nichts Andres als ein état de
maison, der ihre kräfte, so ansehnlich diese auch waren, überstieg.
die unglücke in casa horrocks scheinen kein ende zu nehmen. crawford
ist gestorben und Auguste noch kaum von einer schweren krankheit gene-
sen.
[mailand] 17. november
letzthin erhielt ich die Antwort Baron geringer’s auf meinen Brief, worin er
mir schreibt, daß kübeck es für sehr passend und zweckmäßig halte, daß ich
mich fortwährend mit nahmhaften kaufleuten der monarchie in verbindung
erhalte, da mir diese viel vollständiger als er es thun könnte, die Punkte
andeuten würden, auf welche sich meine Beobachtungen bey meiner reise
zu richten hätten, daß ich mich zu diesem ende auch vornehmlich mit den
inländischen gewerbsvereinen und dem lloyd Austriaca in triest in cor-
respondenz setzen möchte, daß ich aber übrigens in Betreff des Zeitpunk-
tes meiner reise ganz nach eigenem gutdünken handeln solle, indem die
Aufträge, welche ich von der finanzverwaltung erhalten dürfte, an keinen
bestimmten Zeitpunkt gebunden wären.
erzherzog stephan reist noch in istrien und wird wohl nicht vor ende die-
ses monats in Wien eintreffen, gegen diese Zeit werde ich dann an Breda ei-
nen für ihn bestimmten Brief schreiben und dann erwarten, was derselbe bey
graf kolowrat für mich ausrichtet. Wenn ich von stadion einige mitwirkung
erwarten kann, so ist schon viel gewonnen, ich schreibe dann gleichzeitig an
hartig, um durch ihn auf graf kolowrat und wo möglich auch auf fürst met-
ternich zu wirken, und so lasse ich dann um dieselbe Zeit alle meine maschi-
nen los, denn im laufe dieses Winters muß es sich entscheiden. Wird nichts
daraus (d.h. wird mir kein geld bewilligt, ohne welches ich meine reise nicht
unternehmen kann), so muß ich meine gedanken anderswohin wenden und
dem gegenwärtigen Zustande von Absorption in jenem einen ein ende ma-
chen. doch glaube und hoffe ich zuversichtlich, daß ich es durchsetzen werde.
von kolb habe ich noch keine Antwort über die mir von cotta zu stellenden
Anträge, doch ließ ich ihn durch höfken und auch schriftlich mahnen.
campe scheint wieder in seine frühere lethargie zurückgesunken zu
seyn. das Buch hätte, wie er schrieb, schon zur michaelismesse erscheinen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien