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November 1842
sollen, und noch sieht und hört man nichts davon. sonst nicht viel neues.
das Wetter ist wahrhaft infam, bis vor wenigen tagen eine grimmige kälte
und sogar schon schnee, und nun ein unaufhörliches regenwetter und ne-
bel wie in england, es ist nun ein Jahr, daß ich hier mit clotilde im leich-
ten rocke und dem herrlichsten Wetter herum stieg, à propos, sie hat mir
noch immer nicht geschrieben, sie muß sehr böse und ungehalten seyn, aber
warum? das kann ich nicht begreifen. oder hätte sie vielleicht gar italien
verlassen? rom und neapel werden dieß Jahr sehr belebt seyn, es zogen und
ziehen eine menge fremde hier durch, auch viele oesterreicher. Julie sa-
moyloff ist seit 6 tagen hier, von Paris kommend, wo sie henry martini auf
das glänzendste etablirt hat, sie kam mit der Absicht, zwey monathe hier
zu bleiben und dann wieder nach Paris zu gehen, gestern aber erhielt sie
Briefe von martini, welcher bedenklich krank ist, und da will sie nun, wenn
heute keine besseren nachrichten kommen, noch diesen Abend abreisen, mir
wäre es sehr leid um sie, denn obwol sie ihres mannes wegen in tiefer trauer
ist und daher nichts geben wird, so sind wir, ihre bessern Bekannten, doch
alle Abende bey ihr, und das ist eine ganz angenehme ressource. trotz ih-
res fortdauernden verhältnisses zu martini, welches sie übrigens nicht hin-
derte, eigentlich ganz ohne ursache hierher zu kommen, ist sie doch hier auf
dem besten Wege, sich einen surrogat- und interimsliebhaber in der Person
langenau’s beyzulegen. eine andere komödie ist ihre förmliche Brouillerie
mit mathilde Berchtold und daher mit ihrem Adorateur noptsa, welcher ei-
gentlich an all dem schuld ist, übrigens bereitet sich hier ein anderer spaß-
hafter roman vor, denn gestern ist niki szápáry hier angekommen, der ihr
heuer in ischl die cour machte und nun ihretwegen da seyn soll. Wir wollen
sehen, wie sie sich zwischen ihm und noptsa da heraus zieht.
elise Berndis geht in 14 tagen nach turin, wo sie den fasching singen
wird, und das ist ein wahrer godsend für mich, denn so gut sie mir auch ge-
fällt, so wäre die sache doch den ganzen Winter über nicht zu souteniren, sie
scheint sehr heftig in mich verliebt und ist wirklich außerordentlich hübsch
und niedlich, ich sitze fast täglich ein paar stunden bey ihr, werde aber doch
froh seyn, wenn das ein ende haben wird, ich bin nicht mehr für dergleichen
dinge.
der hof ist hier, und der erzherzog im Bette und hat das Podagra, doch
hoffen sie, in 14 tagen nach venedig gehen zu können. von Wien schreibt
man, daß graf sedlnitzky oberstkämmerer und graf münch, der Bundes-
tagsgesandte, Polizey-Präsident werden soll.1
1 diese veränderungen fanden nicht statt, sowohl graf Josef sedlnitzky (Präsident der
obersten Polizei- und Zensur-hofstelle) als auch graf Joachim münch-Bellinghausen
(Bundespräsidialgesandter in frankfurt) blieben bis 1848 auf ihren Posten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien