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Tagebücher346
dieses zusammen machte es mich in dieser letzten Zeit beynahe wünschen,
daß die Publikation jener Blätter und mit ihr alle die Aufregungen meiner
eitelkeit und die allenfallsigen weit wichtigeren wenn auch nicht wahr-
scheinlichen, so doch möglichen folgen derselben unterbleiben mögen. und
nun, da der Wurf geschehen und ein Zurücktreten nicht mehr möglich ist,
empfinde ich eine ungetheilte Freude und Spannung wegen der Dinge, die
da kommen sollen. Zweifel und Befürchtungen sind wie weggeblasen, und
der alte störefried regt sich wieder. gut daß er nicht einschlief, gut daß es
so kam. ruhe und Apathie sind der tod, so denke ich noch immer.
die französischen Journale werden nicht müde, ihren geifer über es-
partero und das Bombardement von Barcelona auszugießen, und lügen da-
bey so unverschämt, daß man auf Augenblicke zuweilen selbst irre wird.
ich muß gestehen, so sehr ich esparteros energische maßnahmen und das
Bombardement billige, so hätte ich doch gewünscht, daß jetzt nach errun-
genem siege keine so lange dauernde und doch vielleicht unwirksamere
reaction eingetreten wäre, als die kriegesgerichte und executionen, wie
sie uns jetzt berichtet werden. ich hätte gleich im momente des einzugs ein
fürchterliches strafgericht gehalten, die nationalgarde dezimirt oder die
freycorps zusammengeschossen, dann aber allgemeine Amnestie procla-
mirt, solche wochenlange Belagerungszustände und martialgerichte hinge-
gen erbittern nur und schrecken vielleicht weniger. Auch scheinen bis nun
erst 18 menschen hingerichtet worden zu seyn. doch sollte man sich eigent-
lich für jetzt, bey dem schwalle widersprechender Berichte, alles urtheils
enthalten. indessen erheben die englischen Zeitungen und namentlich jetzt
das morning chronicle die furchtbarsten Anklagen wider den französischen
consul lesseps als Anstifter und Beschützer der insurrection, dagegen hat
ihn seine Regierung, wohl höchst unkluger Weise, zum Officier der Ehren-
legion ernannt. Anderseits schimpfen die französischen Journale auf den
englischen Consul, weil er die Aufnahme der flüchtenden Aufrührer auf die
englischen Schiffe verweigerte. Wer findet da die Wahrheit heraus?
in serbien klären sich nach und nach die räthsel auf, und wieder ist oe-
sterreich gefoppt und wieder durch rußland. nachdem dieses Anfangs die
stattgehabte umwälzung zu billigen schien, hat nun auf einmahl herr v.
Butenieff die Wiedereinsetzung der familie obrenowitsch und zwar unter
Androhung seiner sogleichen Abreise begehrt, und Baron lieven, der in
einer außerordentlichen sendung nach Belgrad gekommen war, um den
stand der dinge zu untersuchen, ist nach kurzem Aufenthalte, wobey man
leicht sehen konnte, daß die untersuchung schon vor seiner Ankunft be-
endigt und der entschluß gefaßt war, wieder abgereist, ohne den neuen
fürsten auch nur zu sehen. offenbar wollte rußland oesterreich abhalten,
in dieser Angelegenheit die initiative zu nehmen, und erklärte sich daher
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien