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Tagebücher352
mir, es sey ihm noch kein einziges zurückgekommen, dagegen hätten sich
viele mit dem größten lobe darüber geäußert. in meinem Beysein ist übri-
gens noch nirgends darüber gesprochen worden, dieses sonderbare gefühl
steht mir noch bevor. Übrigens muß ich nun wegen einer zweyten Auflage
meine Anstalten treffen, damit diese korrekter und eleganter ausfalle wie
die erste.
die regierung hat zweifelsohne bereits schritte gethan, um den verfas-
ser auszuforschen, ich sehe diesen Bemühungen mit ziemlichem gleichmu-
the zu, erstlich weil ich überzeugt bin, daß sie zu nichts führen werden, und
dann weil ich bey so bewandten umständen eigentlich gar nicht weiß, ob
ich eine entdeckung nicht vielmehr wünschen als fürchten soll. und nun
genug hievon.
im übrigen nicht viel neues, wegen meines Avencements, welches ich
von tag zu tag erwarte, weiß ich noch nichts, und diese ungewißheit wird
mir nachgerade lästig sowie mein jetziger dienst, man gibt mir übrigens
von Wien gute hoffnungen, auch darin, daß ich hier bleiben dürfte, denn
jede transférirung wäre mir höchst unangenehm und würde ein entschie-
denes Widerstreben von meiner seite veranlassen, hinsichtlich meiner rei-
sepläne ebenfalls nichts neues, als daß erzherzog stephan nun in Wien
angekommen ist und daher hoffentlich das Weitere mit graf kolowrat ab-
machen wird, und daß ich neulich endlich die Antwort des herrn v. Werner
aus reuttlingen erhalten habe, welcher mir einige Brochuren über deutsche
Auswanderung etc. schickt, aber zu sehr von geschäften überhäuft scheint,
um sich wenigstens für jetzt weiter darauf einzulassen, zudem schreibt er
nur, gingen seine emigrations- und respective colonisationsansichten aus-
schließlich auf nordamerika, und er würde sich zurückziehen, wenn auch
südamerika zur sprache käme.
hier ist noch immer das theater die hauptsache, ich gehe viel zur ta-
glioni, welche sehr angenehm und liebenswürdig ist, sie gefällt täglich
mehr, es ist oft ein wahres Wüthen im theater. die cerrito ist nun auch
aufgetreten und hat ein halbes fiasco gemacht, obwohl nicht so sehr sie,
als das Ballett gisella, eine Art von spukgeschichte aus serbien (die sage
der Willis von heine, mädchen die am gebrochenen herzen gestorben, und
nun zu nachtzeit auf erden erscheinen und aus rache die männer tanzen
machen, bis sie wahnsinnig werden), welches so elend arrangirt war, daß
es total durchfiel. Da gibt es nun große Partheyungen, doch ist bey weitem
die majorität für die taglioni.
der fasching wird als solcher ziemlich ruhig seyn, die junge duchesse
melzi-Brignole, eine sehr angenehme und sogar gelehrte junge frau (wie-
wohl noch etwas verlegen und gauche) gibt von Zeit zu Zeit thés dansants,
eine alte französin, marquise de ferrari, alle mittwoche höchst langweilige
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien