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Tagebücher364
stein schreiben ließ. Alles wohl überlegt, nahm ich daher einen ehrenvollen
rückzug, indem ich mir eine kurze Bedenkzeit ausbath, und nach gepflo-
gener rücksprache mit dem delegaten erklärte ich graf spaur heute, daß
ich für jetzt von meiner reise abstehe, mir jedoch vorbehalte, sie, falls sie
damals noch nothwendig seyn sollte, binnen 4–6 Wochen zu unternehmen,
und damit schien er ganz zufrieden.
man kann sich denken, daß nunmehr meine stimmung eben keine rosen-
farbene war. mich ärgerte die grenzenlose Wichtigkeit, welche man auf die
elende Beförderung legte, um die ich gebethen hatte, und das mißtrauen,
welches aus dieser interims-entscheidung, nachdem diese nun seit andert-
halb Jahren auf sich hatte warten lassen, hervorleuchtete. die Aussicht, nun
abermals 7–8 monathe in den mir unerträglichen dienstverhältnissen bey
der delegation bleiben zu müssen, während ich bestimmt gehofft hatte, bin-
nen kurzem davon erlöst zu seyn, widerte mich an, die weitere Perspective,
nunmehr, nachdem ich schon seit bald 9 monathen wie eine Auster stille
sitze, abermahls soviele monathe auf jede idee eines urlaubs, einer erho-
lungsreise (wie mir diese zum wahrhaften Bedürfnisse und wirklich zu ei-
ner Art von Bildungsstufe geworden sind) verzichten zu müssen, wenn nicht
binnen dieser frist eine günstige entscheidung wegen meiner reise erfolgen
sollte, wozu es aber unter diesen umständen keinen Anschein hat, diese Per-
spektive war mir um nichts erfreulicher. der delegat, welcher immer unan-
genehm, häßlich und doppelzüngig (wie ich auch an mir erfahren) gewesen,
scheint in dieser Allerhöchsten entschließung und in dem, was ihm graf
spaur darüber sagte, eine Art von vorwurf für die mir ertheilten günstigen
Zeugnisse zu erblicken. mehr aber als dieses Alles quälte mich der Zweifel,
ob nicht vielleicht in meiner reise nach triest der letzte rettungsanker für
das gelingen meiner Pläne gelegen, und ich mich daher durch das Aufgeben
oder verschieben derselben freywillig dessen beraubt hätte.
kommt Zeit, kommt rath, jetzt sind meine ideen noch einigermaßen
verworren, aber bald werde ich klarer sehen und den Weg erblicken, den
ich unter diesen umständen einzuschlagen habe. schon jetzt scheinen mir
diese letzteren Befürchtungen übertrieben, und ich halte es für nicht unmög-
lich, in 5–6 Wochen durch einen kurzen Besuch in triest das allenfalls ver-
säumte aufzuholen. Wer kann in die Zukunft blicken und genau bestimmen,
was einem zuträglich sey, was nicht?
doch hatte ich gleich im Anfange einen moment, wo ich mit mir ernstlich
zu rathe gehen wollte, ob es nicht das Beste seyn würde, den dienst ganz zu
verlassen? und wirklich sagte ich mir, und sage es mir noch, daß ich in der
gewöhnlichen dienstescarrière keine glänzende Bestimmung zu erwarten
habe. ich werde es nun und nimmermehr dahin bringen (und gott verhüte,
daß ich es jemahls wünschen könnte), ein eifriger, von der überzeugung der
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien