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Tagebücher366
terstützung meiner Pläne, welche ich trotz aller momentaner hindernisse
durchaus nicht aufgäbe, auch in Zukunft, falls günstigere constellationen
eintreten sollten, nicht versagen möchte, und schließlich, um einige vor-
wände und einwendungen, welche dem erzherzoge gegen meine Anträge
gemacht worden waren, zu widerlegen, so z.B. die offenbar erdichtete An-
gabe kolowrat’s wegen der über meine technischen fähigkeiten eingehol-
ten Berichte. in dieser Beziehung schrieb ich dem erzherzog, daß ich nichts
sehnlicher wünsche, als einer strengen unbefangenen Prüfung unterzogen
zu werden, z.B. dadurch, daß mir eine Arbeit von jenem fache abverlangt
würde, daß es aber ein ganz falscher Weg gewesen wäre (selbst wenn dieses
geschehen wäre), erkundigungen im gewöhnlichen ämtlichen Wege einzu-
ziehen, indem meine vorgesetzten stellen wohl über meine ämtlichen lei-
stungen, nicht aber über meine Privatstudien in kenntniß seyn können.1
nun muß ich noch an Waldstein nach triest schreiben, daß ich schreiben
muß, ist mir klar, damit stadion nach den letzten freundlichen Worten, die
er mir vor ungefähr 4 Wochen durch gabrielle zukommen ließ, nicht denkt,
die ganze sache sey eingeschlafen, was ich aber schreiben soll, das kann ich
noch nicht recht herausbringen. die kurze runde abschlägige Antwort, wel-
che man mir in Wien ertheilte, und der Zweifel in meine technischen kennt-
nisse mag ich stadion wenigstens so ganz unumwunden nicht mittheilen,
ehe er mich gesehen und sich allenfalls persönlich für mich interessirt, auch
deßwegen nicht, weil ich doch nicht weiß, ob er genug muth und genug in-
teresse an der sache hat, um sie trotz so ungünstiger constellationen zu
verfechten. es muß also jeder weitere schritt suspendirt bleiben, bis ich
mich stadion persönlich werde vorgestellt haben, und weil ich dieses ein-
sah, wollte ich auf der stelle nach triest fahren und hätte es auch gethan,
wenn nicht der unglückliche Zwischenfall mit meinem Beförderungsgesuche
eingetreten wäre. ich werde daher eine Art von lückenbüßer als Brief an
Waldstein in die Welt schicken und demselben soviele Wichtigkeit zu geben
suchen als möglich.
Was mich übrigens einigermaßen darüber tröstet, daß ich ruhig in mai-
land geblieben bin, ist das horrende Wetter, welches nun schon seit dem 15.
unausgesetzt herrscht. An diesem tage fiel seit Anfangs november der erste
schnee, und zwar ziemlich stark, so auch den folgenden tag, und seitdem
regnet es in einem fort wie aus scheffeln. schlechte Aspecten für den nahen
carnevalone! es gibt nun Bälle ohne Zahl bey melzi, spaur, im casino, dann
1 in einem Brief aus Wien v. 27.3.1843, adressiert an graf Andriani [sic] bedauerte erzher-
zog stephan, dass seine intervention ohne erfolg blieb, und bot gleichzeitig an, bei einem
neuerlichen Antrag „Alles beitragen zu wollen, was in meinen kräften steht“ (k.113, um-
schlag 663).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien