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37116.
März 1843
[mailand] 16. märz
guizot hat in diesen tagen in der französischen kammer eine rede gehal-
ten, um die ich ihn mehr als irgend sonst Jemand auf erden beneide, es han-
delte sich um die Bewilligung der fonds secrets, aus welchen eine cabinets-
frage geworden war, die nach Allem, und bey der eingetretenen coalition
aller oppositions Partheyen, sein ministerium zu stürzen drohte. lamartine
sprach da wie gewöhnlich einen glänzenden galimathias, worauf dann gui-
zot so meisterhaft, schlagend und unbarmherzig in improvisirter rede ant-
wortete, daß die opposition verdutzt war, hören und sehen verlor, und er
somit die schon fast verlorene schlacht gewann. gibt es auf der Welt einen
schöneren triumph als diesen?
sonst gibt es in der politischen Welt nicht viel neues. die serbischen An-
gelegenheiten verwickeln sich durch die lächerliche renitenz der Pforte, den
russischen forderungen (welche auf Wiedereinsetzung der familie obre-
nowitsch lauten) nachzugeben, es wird ihre niederlage dadurch nur noch
schimpflicher werden. Jetzt soll sich die neue regierung serbiens gar mit
czartoryski in Paris1 in revolutionaire umtriebe eingelassen haben!
erzherzog franz carl hat das nervenfieber, und man fürchtete eine Zeit
lang einen schlimmen Ausgang, dessen folgen unberechenbar für oester-
reich gewesen wären, doch geht es jetzt besser.
salm ist zum vicepraesidenten nach Prag ernannt, wo der oberstburg-
graf, durch den tod seines sohnes ganz geschäftsunfähig geworden2 (er
verließ sogar sogleich seine Wohnung und zog in einen gasthof), einen
2jährigen urlaub nehmen und wohl nicht mehr wieder kommen wird. salm
geht nächstens ab, montecuccoli soll ihn ersetzen, der hof kömmt morgen
zurück und mit ihm gabrielle, die von den 3 hofdamen allein ihn begleiten
mußte. das deutet auf sonnenschein.
Wallmoden ist mit lichtenstein vor einigen tagen abgereist, nach Pa-
ris und Wien, ein Bruder neipperg’s, rittmeister bey kaiser hussaren,
ist von 2 unteroffizieren seiner escadron erschossen worden,3 etc., voilá
pour les nouvelles. eine andere scandalöse geschichte mit einem jungen
crivelli, der sich letzthin in einem caffehhause ins gesicht spucken ließ
und 4 tage lang zögerte, sich genugthuung zu nehmen, bis die Polizey
endlich nothgedrungen einschreiten und ihn verhaften mußte, gab auch
1 fürst Adam czartoryski, während des Aufstands 1830–1831 polnischer Präsident, war der
führer des polnischen aristokratischen exils („hotel lambert“) in Paris.
2 graf emanuel chotek, sohn des oberstburggrafen karl chotek, war am 15.1.1843 in Prag
gestorben.
3 es handelt sich um graf ferdinand neipperg, einen Bruder von Andrians Bekanntem gus-
tav neipperg, der allerdings erst am 22.4.1843, wohl an den folgen der geschilderten ver-
letzungen, im südungarischen scárcsa starb.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien