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Tagebücher374
Präsidium führen wird. Pachta ist vorgestern ebenfalls auf urlaub nach
Prag, und ich habe ihm Briefe an kotz, geschäftsleiter des böhmischen ge-
werbsvereines, mitgegeben und hoffe, auf diese Art die mittheilungen zu er-
halten, welche ich durch fritz fünfkirchen vergebens gesucht habe.
Waldstein ist schon seit längerer Zeit in familienangelegenheiten auf ur-
laub, hat also meinen Brief wahrscheinlich nicht mehr in triest erhalten.
dieses erfuhr ich erst diese tage zu meinem großen verdrusse. da nun über-
morgen die rekrutierung bey der delegation beginnt, so kann ich vor dem
12. April, an welchem tage sie endet, an keine wenn auch noch so kurze
reise denken, um diese Zeit aber will ich auf 2–3 tage nach triest fahren,
vielleicht ist Waldstein bis dahin zurück, aber diese beständigen verzöge-
rungen sind wahrhaft ominös und dürften mich um das gewünschte resultat
bringen, in solchen dingen entscheidet der Augenblick, und der rechte wäre
nach meiner Berechnung in der mitte februar gewesen, freylich hat sich
seitdem eigentlich nichts geändert, und in dergleichen Angelegenheiten sind
2 monathe eben nur ein Augenblick.
ich beschäftige mich nun beynahe ausschließlich mit technischen und
kommerziellen gegenständen, mcculloch’s dictionnaire, list’s Zollvereins-
blatt etc., mit sammlung statistischer notizen über industrie und handel,
und will nun, um mir auch technische kenntnisse zu erwerben, die hiesigen
bedeutenderen fabriken der reihe nach besichtigen. Bereits habe ich mit
vielem interesse und nutzen mit der berühmten seidenzeugweberey von
Assago etc. den Anfang gemacht.
letzthin Abends bey Berchtold, wo ich zuweilen hingehe trotz der einför-
migen und langweiligen deutschen cotterie, die ich dort finde, sprach man
aus Anlaß einiger misérabler gedichte, die taxis auf die taglioni gemacht
hatte und uns zum Besten gab, vom improvisiren in deutscher sprache.
marsano, als dichter und schriftsteller ziemlich bekannt, war auch da,
und ich gab ihm 4 ganz disparate reime holz, stolz, hund, mund. daraus
machte er in kurzer Zeit folgenden spruch:
mit solchen reimen kömmt man auf den hund
denn sie verschließen jedes dichters mund.
nicht heiter Blüthen treibt das dürre holz
drum ist auf solche reime keines dichters stolz.
das ist gewiß hübsch genug.
dieses bringt mich auf das neue preußische censurgesetz, so illiberal und
ängstlich, daß es als ein entschiedener rückschritt betrachtet werden muß.
leider scheint in der gesinnung des königs eine reaction eingetreten zu
seyn. so eben hat er den Provinzialständen von Posen, welche sich, aller-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien