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April 1843
tere aber fiel schmälich aus: wenig leute, fast gar keine in uniform, sehr we-
nig Applaus, als der erzherzog erschien, und gar keiner nach Absingung des
volksliedes.1 der obligate Besuch in der kaiserlichen loge fiel daher auch
ziemlich langweilig aus, denn der erzherzog schien verstimmt. tags darauf
lasen wir dann in der Zeitung von der fervidi voti und vivi und ripatuti ap-
plaudi etc., so schreibt man die geschichte. ich weiß nicht, warum man sich
die mühe gibt, Anhänglichkeit erzwingen und erbetteln zu wollen. die leute
mögen uns nun einmahl nicht, und das Beste wäre de prendre son parti.
mit meiner reise nach triest sieht es sehr übel aus: der vicedelegat ist
noch immer krank, und ehe er hergestellt ist, kann ich an keine noch so
kurze entfernung denken. Am 8. may fängt die rekrutierung an, und von
da an kann ohnehin davon keine weitere rede seyn, besonders da sie bey
der vorauszusehenden schwäche des vicedelegaten mir wahrscheinlich zum
theile zufallen dürfte. nebstdem hat mir der delegat so eben eine weitläuf-
tige commission übertragen, nämlich zur ermittelung der Ansprüche der
stadt mailand an das militär-Aerarium wegen der hiesigen casernen.
Auguste schreibt mir, daß sie wahrscheinlich mit ihrer schwester Ame-
lie nach deutschland und zwar nach Weimar kommen dürfte. Amelie hat
nämlich so eben ihren cousin charles horrocks geheirathet, dessen Bruder
schon seit lange in Weimar lebt. diesen wollen sie nun besuchen, und da
meint Auguste, solle ich auch dahin kommen. das paßt aber nicht in meinen
kram. es ist zwar meine Absicht, im kommenden sommer, nämlich ende
July, so wie meine Prüfungszeit (nämlich die vom kaiser bestimmten sechs
monathe) vorüber ist,2 eine reise nach deutschland und den deutschen Bä-
dern zu unternehmen und mich da solange als wie immer möglich (vielleicht
auch den nächsten Winter über) aufzuhalten, doch fühle ich keinen Beruf,
mich in diese langweilige region unseres vaterlandes zu verlieren, zudem
fürchte ich eine entrevue mit Auguste schon für sich allein, denn meine
einstmalige liebe ist so komplet verflogen, daß ich sehr verlegen wäre, ihr
wieder gegenüber zu treten. Weiber sehen scharf, und ich möchte ihr gerne
diese kränkung ersparen, welche für sie gewiß eine unheilbare seyn würde.
ich höre noch immer von Zeit zu Zeit von „oesterreich und seiner Zu-
kunft“ sprechen und die sonderbarsten conjecturen machen. der gérant
der hiesigen tendler und schäferschen Buchhandlung, Welsch, ist eben
jetzt auf reisen in Wien und deutschland und wird die leipziger messe
1 die sog. volkshymne oder kaiserlied nach der melodie von Joseph haydn. Während der
regierungszeit kaiser ferdinands wurde ein text von frh. Josef christian v. Zedlitz ver-
wendet (segen östreichs hohem sohne, unserm kaiser ferdinand!).
2 gemeint ist die neuerliche Prüfung von Andrians Beförderungsgesuch, vgl. eintrag v. 15.2.
1843.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien