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Mai 1843
führlichen durch alle 4 nummern fortlaufenden Artikel besprochen wird,
der verfasser ist Wienbarg selbst, es werden sehr umfassende Auszüge aus
derselben gegeben und überhaupt der ganze ideengang von Anfang bis zu
ende, und meist mit den eigenen Worten der schrift, auszugsweise wie-
dergegeben.1 das endurtheil ist ein getheiltes, er nennt die schrift epoche
machend für oesterreich und seine politische litteratur wie keine andere
seit A. grün’s Wiener spatziergängen,2 zitirt eine menge stellen und An-
sichten mit lebhaftem Beyfalle und findet doch auf der andern seite eine
menge dinge zu tadeln, besonders was den technischen schriftstellerischen
theil anbelangt, er spricht von ungeeigneten Bildern, ungebildeter form etc.
übertrieben findet er die darstellung von frankreichs machtentwicklungen
nach Außen und von dem angeblichen einflusse Preußens auf die öffentliche
meinung in deutschland. die, wie er wiederholt bemerkt, vorherrschende
aristokratische tendenz will auch ihm nicht recht behagen, obwohl er die de-
cidirt liberale gesinnung lobend anerkennt und den unbekannten verfasser
in dieser wie in manch anderer Beziehung über Bülow-cummerow stellt, etc.
in einer derselben nummern steht ein correspondenzartikel, worin es
heißt, man halte allgemein den grafen Boucquoy (Peter) für den verfasser.3
nur zu, das macht einen spaß, all das aus dem verstecke so mit anzu-
sehen. Aber wundern mußte ich mich selbst, daß diese widersprechenden
urtheile keinen stärkern eindruck auf mich machten. ruhm, Popularität,
vielleicht auch reelle politische stellung ist da nicht zu erwerben, weil der
nahme unbekannt bleibt. der glaube an mich selbst aber steht zu fest,
als daß er durch die meinungen Anderer gestärkt oder erschüttert werden
könnte. doch aber gestehe ich, daß mir bey der stelle von dem epoche ma-
chen ein Bischen warm ums herz wurde.
ich lese jetzt viel in deutschen Blättern und periodischen schriften, halte
mir deren manche selbst und bekomme andere geliehen oder zugeschickt.
der praktische geist, der in ihnen weht, thut mir wohl, überall fortschritt,
wenn auch nicht immer in der that, so doch im vorschlage, und ich habe
genug vom „deutschen michel“ in mir, um mich selbst über das letztere zu
erfreuen. doch meine ich, thäte es dem deutschen Journalismus sehr noth,
daß wenigstens die angesehensten organe desselben in eine fortwährende
1 Hamburger literarische und kritische Blätter 19 (1843) Bd. 1, Nr. 34 v. 20.3., 265–268; Nr.
35 v. 22.3., 273–275, Nr. 36 v. 25.3., 281–284; und Nr. 37 v. 27.3., 289–291. Die Rezension
ist zum teil gedruckt in rietra, Wirkungsgeschichte, 137–139.
2 Anastasius grün (d.i. graf Anton Alexander Auersperg), spaziergänge eines Wiener Poe-
ten (hamburg 1831).
3 In den einschlägigen Genealogien der gräflichen Familie Buquoy de Longueval lässt sich
kein Peter finden. Mehrfach als möglicher Autor genannt wurde jedoch Graf Georg Franz
August Buquoy (1781–1851), ein bekannter gegner des fürsten metternich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien