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Tagebücher390
und dann fuhr Alles zur regatta und ich zu Pascotini, wo wir vom Balkon
die vorbereitungen und das erste vorbeyfahren der gondeln ansahen, und
dann zu fuße auf die municipalità gingen, wo der ganze beau monde ver-
sammelt war, darunter erzherzog friedrich, der regierende herzog von
Braunschweig und der herzog von Bordeaux, der von Padua, wo er die fan-
ghi braucht, herübergekommen war. er bezeugte viel freude mich zu sehen,
ich fand ihn ziemlich unverändert, bis auf collier grec und schnurrbart, die
ihn recht gut ließen, doch noch ziemlich stark hinkend von seinem Beinbru-
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Als die Regatta zu Ende war, fing das eigentliche Spektakel erst an,
das unbeschreibliche getümmel von gondeln und Barken aller Art, die
unzahl menschen an allen fenstern des canal grande, ein superber und
einziger Anblick. ich fuhr lange mit Zichy, dann allein herum und endlich
wieder auf die municipalitaet, um eine Art von feuerwerk zu sehen. nach
9 uhr ging ich in die fenice. das theater war äußerst brillant, man gab
Zampa und das wohlbekannte Ballet giselle, worin die cerrito heuer in
mailand getanzt hatte. hier war es dlle fitzjames, und zwar ziemlich gut.
ich machte verschiedene visiten in logen, und zwar bey der schönen gal-
vagna-Albrizzi, bey thurn etc. und endlich bey reviczky, welche heute éb-
louissanter war als je. diesen Armen und diesem nacken und Busen wäre
der heilige Antonius nicht widerstanden. nach dem Ballett führte ich sie
zu ihrer gondel, ging dann nach hause mich umkleiden, nahm dann noch
bey florian etwas zu mir und fuhr dann um 1/2 2 uhr auf das dampfschiff
conte mittrowsky, mit dem ich vor 3 Jahren in dalmatien gewesen.
und so hatte ich denn 2 recht angenehme tage in venedig verlebt, welche
mir wie in einem Panorama dichtgedrängt meine ganze frühere existenz in
dieser stadt wieder vorführten. selten geschieht es einem, wieder einmahl
solch ein ganz unverändertes stück vergangenheit zu wiederholen.
um 2 uhr fuhren wir ab, die see war noch sehr unruhig von den letzten
stürmen der scirocco, so daß ich mich in meiner Bettnische mit den hän-
den fest halten mußte, um nicht heraus zu fliegen, trotz dem schlief ich aber
vortrefflich und ohne die geringste Anwandlung von Seekrankheit. Nach
11 Uhr waren wir im Hafen, ich stieg in dem neuen vortrefflichen Gasthofe
Prince metternich ab, bis ich aber in ordnung war, wurde es 2 uhr, und da
suchte ich denn vor Allem Waldstein auf, fand ihn aber weder im Bureau
noch sonst wo, ging dann zu franz Wimpfen, wo ich eine stunde verplau-
derte, und dann in meinem gasthofe mit morzin, hauptmann körber etc.,
1 der französische thronprätendent henri graf v. chambord herzog v. Bordeaux hinkte seit
einem schweren sturz vom Pferd 1841. Andrian kannte ihn wohl aus görz, wo er seit ende
der 1830er Jahre lebte.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien