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Tagebücher394
gewesenen Pächter Bregart ein geschäft in ordnung brachte und endlich
mehrere Briefe zu schreiben hatte, so wird man sehen, wie beschäftigt ich
diese tage über war.
endlich um 5 uhr ging ich zu stadion essen, wir waren ganz allein, da-
her umso mehr gelegenheit sich auszusprechen. doch roulirte das gespräch
während des essens über andere gegenstände, über dienstsachen, über Pi-
sino, über allgemeine dinge, etc. kaum aufgestanden, erschien Waldstein,
was uns dann wieder störte, und erst als er fort war, fing ich an, recapitulirte
kurz, was seit dem Jahre, als ich mich mit dieser reise beschäftige, in dieser
Angelegenheit geschehen, welche die nothwendigkeit, dieselbe jetzt endlich
zur reife zu bringen, setzte ihm die gründe auseinander, weßhalb ich mich
nicht gerne direkt an kübeck wenden wollte, weil ich nämlich besorgte, daß
die sache dann in den gewöhnlichen bureaukratischen Weg geleitet werden
und dann wahrscheinlich nicht nur selbst zunichte werden, sondern mir auch
bey meinen chefs gerade in diesem momente schaden dürfte, und daß ich
daher zu erfahren wünschte, ob er (stadion) ein von mir an ihn gerichtetes
mémoire annehmen und an kübeck mit warmer fürsprache vorlegen würde?
er antwortete noch viel länger, legte mir ein förmliches glaubensbekennt-
nis ab, sagte, er habe die mission nach indien veranlaßt nicht so sehr wegen
indiens selbst, als weil egypten auf dem Wege liege und berufen sey, in kom-
merzieller hinsicht eine österreichische Provinz zu werden, er habe bey die-
ser gelegenheit gesehen, daß es in österreich gar niemand gebe, der unsere
industrie genau kenne, welche kenntniß doch eine conditio sine qua non sey,
auf jeden fall müßte ich also nebst einem theoretisch-technischen studium
des fabrikwesens auch Waarenkenntniß und dann jene specielle kenntniß
unserer industrie besitzen, die ich mir, sowie die gegenwärtig reisenden ost-
indischen commissärs erichsen und schwarzer, nur durch eine vorläufige
Bereisung unserer fabrikländer erwerben könne. er sey überhaupt sehr für
alles reisen, halte die von mir projectirte für sehr nützlich, obwohl er süd-
amerikas Wichtigkeit nicht so hoch anschlage als ich, und würde daher un-
ter obigen voraussetzungen ganz gewiß für mich sprechen. obwohl er nun
glaube, daß ich jene theoretischen kenntnisse bereits besitze, so müsse er
doch noch jene vorläufige rundreise postuliren, und eben weil er ein direkt
an ihn eingereichtes mémoire nur unter dieser voraussetzung unterstützen
könnte, so würde kübeck die natürliche rückfrage machen: gibt es denn
aber keinen, bey welchem diese voraussetzung schon wirklich erfüllt ist? so
wie die andre nicht weniger natürliche: Wenn sie von der Wichtigkeit der
sache so überzeugt sind, warum haben sie gewartet, bis sie von außen her
movirt wurde? sein rath wäre daher, mein mémoire an kübeck zu richten,
und es dahin zu bringen, daß dieses direkt an stadion geleitet würde, ohne
früher den gewöhnlichen kanzleyweg an meine chefs etc. zu gehen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien