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Juli 1843
dagegen wird mir nach und nach mein amerikanisches reiseprojekt gleich-
gültiger. die reise selbst interessirt mich jetzt so sehr als je, und könnte ich
sie unbeschadet meiner Zukunft, d.h. aus eigenen mitteln unternehmen, so
würde ich keinen Augenblick zögern. Aber es ekelt und ärgert mich nachge-
rade, so viele und oft erfolglose schritte machen zu müssen, und da als ein
Bittender aufzutreten, wo ich eigentlich der gewährende theil bin. in triest
muthete man mir gar zu, als commis voyageur zu reisen, und wollte mir
Waarenmuster mitgeben. das geht denn doch zu weit. ich kann mich von
dem staatsmännischen standpunkte aus für handel und industrie interessi-
ren, aber selbst ein handelsjude zu werden, ist nicht meine sache.
[mailand] 3. Juli
ich arbeite jetzt verdrossen und ziemlich invita minerva an dem mémoire
für kübeck, eine Wiederholung des hundertmal gesagten und geschriebe-
nen, und zweifle beynahe an dessen Erfolg. Die Leute wollen nicht, was ich
will, sie wollen eine reise als handels-commis, mit Waarenmustern von
kramladen zu kramladen, und haben vielleicht recht. Aber auch ich habe
nicht unrecht und will eine Art von politischer mission, um die kommer-
ziellen, Produktions- und politischen verhältnisse jener länder von dem
gesichtspunkte des staatsmannes aus zu erforschen und mich (da liegt es)
zu ehren und ruhm, und was mehr sagen will, in einen mir angemesse-
neren Wirkungskreis zu bringen. Zudem scheinen die leute alle Auslagen
zu scheuen, und doch ist dieß eine conditio sine qua non. die hauptsache
ist nun die, die mission zu erhalten, habe ich sie einmahl, so werde ich
sie schon nach meinem gesichtspunkte zu drehen wissen. darin aber liegt
eben der knoten, nämlich in dem erhalten der gedachten mission, und da-
her kann ich nicht immer ganz cartes sur table spielen.
letzthin erhielt ich einen sehr boshaft geschriebenen Aufsatz aus der
leipziger Allgemeinen Zeitung über oesterreich und seine Zukunft, er soll
gercke in Wien zum verfasser haben, und es war der erste, der mich eini-
germaßen ärgerte.1 mit entstellten Zitationen und sinnverdrehungen wird
der schrift beynahe jeder Werth abgesprochen und mit einer vornehmen
insolenz thatsachen und Zahlen abgeläugnet, welche unwiderleglich wahr
sind. ich wäre beynahe versucht, als Antwort Auszüge aus dem finanz Be-
richte drucken zu lassen, den eichhoff im Jahre 1838 dem kaiser vorlegte.
diesen Bericht erhielt ich dieser tage zu gesichte und nahm zahlreiche
noten daraus.
1 deutsche Allgemeine Zeitung (leipzig) v. 18.5.1843, Beilage 465, und v. 23.5.1843, Beilage
515: über die schrift: österreich und dessen Zukunft. der Artikel ist zum teil gedruckt in
rietra, Wirkungsgeschichte, 162f.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien