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Tagebücher414
im freyen an mehreren tischen bereitet. dabey musik hinter den Bäumen
versteckt, und dazu die superbe Aussicht auf den rhein und den straßbur-
ger münster. ich saß an einem tische mit mehreren herren, darunter graf
Woronzoff, herr v. liebermann, preußischer gesandter am russischen hofe
etc. nach tische wurde getanzt, und auch ich ließ mich bewegen meine al-
ten knochen zu rühren. es war recht animirt und ziemlich amusant, und
bis ich nach hause kam, war es beynahe mitternacht. man ist hier in hin-
sicht auf die materiellen Bedürfnisse ganz vortrefflich, man ißt gut, wohnt
gut und findet excellente Cigarren und überhaupt die schönsten Sachen
aller Art in den bescheidenen hölzernen kaufhütten vor dem conversati-
onssaale, freylich Alles ziemlich theuer, doch auch dieses nicht so sehr, als
ich gedacht hatte.
der hauptpunkt aber, um welchen sich in Baden Alles, selbst die con-
versation dreht, ist das spiel. An 1 und Abends 2 tischen wird roulette, an
einem andern rouge et noir gespielt, 3 male, seit ich hier bin, wurde die
Bank gesprengt, und überhaupt soll Benazet heuer keine guten geschäfte
machen. ich selbst spiele manchmal eine halbe stunde, doch ohne mich zu
erhitzen, und zwar an das roulette, denn rouge et noir ist mir nicht hold,
ich verlor ansehnlich, so oft ich mich hinsetzte. dagegen gewann ich vorge-
stern in der roulette über 1200 franken und werde im ganzen ungefähr im
gewinnste von 400 franken seyn.
trotz Alles dessen glaube ich dennoch nicht, daß ich lange hier bleiben
werde. die Zeit wird einem doch zuweilen lang, und dann geht ganz ruß-
land in diesen tagen fort, noch habe ich keinen bestimmten Plan, wohin
ich mich wenden soll, wahrscheinlich aber werde ich auf ungefähr 14 tage
nach dux zu Waldsteins gehen, und zwar über frankfurt und leipzig, von
dort aus einen Abstecher nach Berlin unternehmen und dann über Bayern
nach italien zurückkehren. sollte ich aber in diesen tagen ganz besonders
gute geschäfte bey der Bank machen, so würde ich wahrscheinlich nach
Paris, vielleicht auch england gehen.
diese tage erhielt ich einen Brief von geringer, der mir im Auftrage
Baron kübeck’s schreibt, derselbe habe von meinem mémoire mit aller Auf-
merksamkeit einsicht genommen, es sich vorbehalten, mir im Wege des
mailänder gouverneurs seinen Beschluß mitzutheilen. nach diesen myste-
rieusen Worten ahne ich fast eine abermalige höfliche Abweisung. Ihr Wille
geschehe.
Wiesbaden 27. August Abends
Wie dieses gewöhnlich zu geschehen pflegt, ich verließ Baden, wo ich mich
Anfangs ziemlich unbehaglich gefunden hatte, nur ungern und gleichsam
mit Widerstreben. ich war in der letzten Zeit, da ich nach und nach viele
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien