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wurde Wagen gewechselt, nämlich der taxis’sche gegen einen preußischen
eilwagen, was schon einmal 2 volle stunden dauerte. dazu kam, daß ich,
da ich ein ziemlich hohes numero hatte, in eine Beychaise zu sitzen kam,
welche auf jeder station gewechselt wird, daher Aufenthalt und gêne ohne
ende. um 3 waren wir in Weimar, wovon ich bey nacht nichts Andres sah
als die schönen Alleen und Anlagen in der stadt wie in gotha (oder Johde,
wie die sachsen sagen), dann wurden die Berge immer steiler und das fah-
ren immer schlechter. gegen 8 uhr morgens waren wir in naumburg, und
von da immer bergauf, bergab über Weissenfels nach lützen, und endlich
an dem monumente gustav Adolph’s vorüber kamen wir nach 3 in leipzig
an. dort hatte ich bloß Zeit, mich in aller eile zu waschen und rasiren zu
lassen, dann einen Bissen zu essen, und lief dann zur eisenbahn, welche
um 4 abging.
Auch da gab es unfälle, eine locomotive verdarb unterweges, und wir
mußten ziemlich lange stille halten, bis sie ausgebessert war, und endlich
eine andere vorspannen etc., so war es 1/2 9, als wir in dresden waren. üb-
rigens ist die Bahn sehr schön und mit überwindung großer terrainhinder-
nisse gebaut. das beständige hügelland machte ungeheure erdarbeiten,
einschnitte, Aufdämmungen und durchlässe und ganz nahe von hier einen
ziemlich langen tunnel nothwendig, einer Brücke über die elbe nicht zu
gedenken.
hier stieg ich in der stadt Berlin ab und ging heute früh mit dem lohn-
bedienten aus, um die stadt zu besehen. diese ist wirklich sehr schön, und
Alles spricht von der Prachtliebe, freylich auch von der beyspiellosen ver-
schwendung des churfürsten August (königs von Polen) und seines günst-
lings Brühl sowie seiner vielen Maitressen (Gräfin Kosel, Königsmark etc.).
hauptsächlich sehenswerthe gebäude sind die gemäldegallerie, die tho-
mas- und die katholische kirche, das japanische Palais, das Blockhaus, der
kosel’sche Palast, der Brühl’sche sammt der berühmten terrasse an der
elbe und vor allem der Zwinger, sogenannt ich weiß nicht warum, es sollte
die residenz werden, ist aber nicht vollendet und dient zur Aufbewahrung
der münz- mineralien- naturalien- u.a. sammlungen. Alles von August er-
baut und im etwas überladenen style seiner Zeit. dann das theater, die
Post etc. um 11 uhr ging ich in die katholische kirche, um die berühmte
kirchenmusik zu hören, ich fand sie recht schön, aber nichts Besonderes,
doch fielen mir die Einrichtungen darin auf. Männer und Frauen sind ge-
trennt, und 2 wie Portiers angethane küster (wie in frankreich) gehen
herum und erhalten die ordnung auf das Allerstrengste. in der mitte der
kirche darf sich niemand aufhalten.
nachher sah ich die Wachparade, aß um 1 uhr zu hause an der table
d’hôte, ging nachher in die kunstausstellung, wo es mehrere recht hübsche
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien