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42517.
September 1843
capelle, so daß das ganze fast 3 stunden dauerte. das war ein harter
stand. dem armen ottilienfeld wurde während dessen von der gallerie
herab buchstäblich auf den kopf geschissen, man denke sich das gelächter
und die späße. nachher versammelten wir uns noch auf kurze Zeit im gar-
tensalon oben und fuhren dann ab. um 2 uhr nachts waren wir zu hause.
gewiß aber ist es, daß es keinen liebenswürdigeren hausherrn geben kann
als ferdinand lobkowitz.
trotz Alles dessen werde ich mich doch nicht mehr länger als 4–5 tage
hier aufhalten. Bis dahin erwarte ich flore’s Antwort wegen meines Avan-
cements, es ist mir fatal, von hier abreisen zu müssen ohne wegen meiner
künftigen Bestimmung etwas zu wissen, aber ich kann hier doch nicht so
aufs ungewisse hin fort und fort warten. Zudem würde es mich auch auf
die länge ennuyiren, aber es génirt mich, daß ich nun durch geraume Zeit,
nämlich bis zu meiner rückkehr nach mailand, ohne alle Briefe und nach-
richten bleiben soll, denn meine reise wird von jetzt an so unbestimmt,
daß ich kaum einen ort werde angeben können, wohin mir diese nachzu-
schicken wären. vorerst ist soviel gewiß, daß ich nach Berlin und hamburg
gehe, wie ich aber von dort nach hause komme, weiß ich noch nicht. Wäre
ich einmahl über mein Anvancement und daher über meine Bestimmung
im reinen, so wäre ich in jeder hinsicht ruhiger.
[dux] 17. september
Morgen Frühe reise ich ab, obwohl ich von Flore unbegreiflicher Weise noch
immer keine Antwort habe, mein Brief muß verloren gegangen seyn, das ist
mir sehr fatal, weil ich nun in derselben ungewißheit weggehe, in der ich
gekommen bin. fürs erste werde ich mir meine Briefe nach hamburg nach-
schicken lassen, nachher aber weiß ich selbst noch nicht, wohin ich mich
wenden werde, ob über Amsterdam und Paris nach mailand, oder über
hannover und deutschland, oder ob ich nicht vielleicht von dort wieder
nach Böhmen und oesterreich zurückkehre. Auf jeden fall aber schreibe
ich heute noch an spaur und bitte ihn um eine urlaubsverlängerung bis
ende oktober, welche er mir ohnehin schon mündlich beynahe angetragen
hat. übrigens macht mir das herumreisen an sich jetzt eben keine so große
freude, und ich käme fast ebenso gerne gerade nach mailand zurück, wenn
ich dort mein Avancement fände und nicht wieder den leidigen delegations-
dienst antreten müßte. dieses letztere aber bin ich entschlossen auf keinen
fall zu thun, und da hängt es.
eigentlich gehe ich ziemlich ungern von hier weg. die Waldsteins sind
gar vortreffliche Leute und voll Freundschaft für mich. Caroline und Jetti
sind ganz charmante mädchen, eine jede in ihrer Art. dabey ist hier eine
angenehme nachbarschaft, die sich gegenseitig viel sieht, lobkowitz, West-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien