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Tagebücher426
phalen, ledebur etc. clary’s in töplitz, zwar ziemlich langweilig, doch gute
leute, letzthin war ich Abends dort und machte die Bekanntschaft der jun-
gen fürstinn und ihrer Ältern fiquelmont. graf fiquelmont fährt heute
nach Warschau, den kaiser nicolaus zu bekomplimentiren und, wie man
sagt, um die hand der großfürstinn olga für erzherzog stephan (der diese
tage nach dresden kömmt) anzuhalten, mais je n’en crois rien. Beauforts
sehen wir auch fast alle tage, er ist ganz ein gentleman von alt französi-
scher Courtoisie. Die Frau, wie man sagt eine fière politique, sonst aber
langweilig und sehr lächerlich accoutrirt. die töchter sehr jung, nicht
hübsch und ganz unbedeutend.
die haber’schen geschichten in BadenBaden, von denen man mir da-
mals die ohren voll erzählte, haben einen tragischen Ausgang genommen.
Göler und Vereffkin, der unbegreiflicherweise für Haber Parthey nahm,
beydes gute Bekannte von mir, haben sich geschossen und sind Beyde ge-
blieben. göler, schon tödlich getroffen, ließ sich die hand stützen und schoß
seinen gegner nieder, nachdem seine Pistole 4mal versagt hatte. Bey dem
leichenzuge göler’s gab es unruhen in carlsruhe, das haber’sche haus
wurde geplündert etc., so daß generalmarsch geschlagen werden mußte.
Und so sind zwey vortreffliche junge Leute wegen eines miserabeln Cujons
gefallen, der sich selber nicht schlagen wollte.1
gabrielle und toni Waldstein begleiten mich morgen bis dresden und
leipzig und kommen dann hieher zurück.
mein heutiger dreißigster (leider!) geburtstag ist gestern Abends durch
ein komisches transparent, welches ich vor meiner thür fand, und heute
morgens durch ein déjeuner en famille gefeyert worden, wobey mir die ver-
haßte Zahl 30 in allen möglichen gestalten, als ungeheures Bretzel, als
Blumenkranz etc. überreicht wurde.
Berlin 22. september
den letzten Abend war ich noch mit gabrielle und den cousinen in teplitz
im theater, ich gestehe, daß mir der Abschied von diesen letzteren ziem-
lich schwer fiel, es sind ein Paar liebenswürdige herzliche Geschöpfe, die
man mit jedem tage lieber gewinnt, zudem schienen sie mir sehr zugethan,
und besonders caroline war in ihrer unschuldigen Zärtlichkeit manchmal so
1 dieses duell fand am 4.9.1843 statt. siehe zu dieser Affäre: georg v. sarachaga, vollstän-
dige darstellung der streitsache zwischen freiherrn Julius goeler von ravensburg und
herrn moriz von haber, sowie des daraus entstandenen duells des erstern mit herrn von
Wereffkin, wie sie vor gericht niedergelegt wurde (mit erläuternden dokumenten) (karls-
ruhe 1843); ders., Mein letztes Wort in der Sache gegen Herrn Moriz v. Haber (Stuttgart
1843), und georg von sarachaga’s vermächtniss oder neue folgen in der göler-haber’schen
sache (stuttgart 1843).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien