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Oktober 1843
herren tranken, die abgehauene hand eines schreibers, welcher eine falsche
handschrift machte etc. dann ein eiserner maulkorb, welchen zur faust-
rechtszeit ein ritter aus münster seinem vetter umschlagen ließ, und dgl.
curiosa mehr.
unten am rathhause vor der hauptwache hängen unter einem eisernen
gitter die folterwerkzeuge, womit die Wiedertäufer gemartert wurden, und
auf einem kirchthurme daneben, dem höchsten in münster, prangen noch
ganz oben die drey eisernen käfige, in welchen ihre drey Anführer, thomas
münzer, caspar dolling und noch einer, nach überstandener folter zu tode
gehungert wurden,1 alles zu ehren der katholischen religion und des rit-
terthumes damaliger Zeit. und doch waren sie die ersten vorläufer besserer
Zeiten.
um 5 uhr fuhren wir von münster weg und durch ein freundliches, gut
angebautes land über dülmen, haltern etc. nach dorsten, wo ich die düs-
seldorfer schnellpost verließ und gegen mitternacht auf der seitenstraße
nach Wesel abfuhr, wo ich um 3 ankam. gerade vor dem thore der festung
brach die deichsel am Wagen, und wir hatten unsere liebe noth, nach ei-
nem halbstündigen Aufenthalte ihn in die stadt zu bringen, wo wir zu fuße
ankamen. doch war ich herzlich froh, nach 3 tagen endlich einmahl in ein
Bette zu kommen.
der tag darauf, gestern, war trüb und nebligt, ein recht holländischer
herbsttag. um 12 uhr kam das düsseldorfer dampfschiff kronprinzessinn
von Preußen, ein magnifiques schiff, an dessen Bord ich die reise fortsetzte,
es waren ziemlich wenig leute: zwey recht hübsche französinnen mit ihren
männern, sehr artige leute, das eine der beyden ehepaare lebt in monte-
video, leider aber machte ich erst heute mit ihnen Bekanntschaft, ein eng-
länder, wie es schien marineoffizier, ein redseliger, jedoch sehr gescheidter
franzose, den ich lange für einen engländer hielt, und ein holländischer
kaufmann von hier, myn heer de koek, mit dem ich mich am meisten un-
terhielt und der mir über Politik und verhältnisse seines landes recht inter-
essante dinge sagte, besonders beschwerte er sich über die Animosität der
deutschen Zeitungen, namentlich der Allgemeinen Zeitung, gegen holland,
und behauptete, alle ihre Beschwerden seyen rein aus der luft gegriffen.
die schifffahrt auf den holländischen gewässern sey den deutschen gerade
so frey als den holländern selbst, an transito-Zöllen dürfe holland nach
dem rheintraktate nicht mehr als 22 1/2 cents per kilo von den stromab-
wärts und 18 cents von den aufwärts gehenden Waaren fordern, und selbst
diese geringen Zölle habe die holländische regierung zur Beförderung der
1 tatsächlich handelte es sich um Johann van leiden, Bernhard knipperdolling und Bern-
hard krechting, die im Jänner 1536 hingerichtet wurden, nicht jedoch um thomas münzer.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien