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Tagebücher442
schifffahrt bedeutend herabgesetzt. die ganze vielbesprochene geschichte
wegen der angeblichen hemmnisse der deutschen dampfschifffahrt von sei-
ten hollands im vorigen Jahre reducire sich auf folgendes: kraft der rhein-
schifffahrtsakte dürften nur solche schiffe frey den ganzen strom befahren,
welche in einem der rheinuferstaaten gebaut seyen, nun habe aber die düs-
seldorfer gesellschaft 2 schiffe in england bauen lassen (victoria und stadt
elberfeld), und diesen hätte demnach holland die Zulassung in sein gebieth
verweigert etc.
Amsterdam 8. oktober
der tag, an dem ich Wesel, deutschland und Westphalen und mit ihm die
gute kräftige norddeutsche küche, welche mir sehr wohl behagt hatte, ver-
ließ, war ein grauer herbsttag. Apropos der küche, muß ich besonders des
vortrefflichen westphälischen Brodes, Pumpernickel genannt, dann der ex-
cellenten kartoffeln und des saftigen kräftigen fleisches ehrenvoll erwäh-
nen.
die letzte preußische station war emmerich, cleve, welches wir übrigens
ganz deutlich sahen, liegt weiter nordwestlich ins land hinein. Bald darauf
kam die holländische douane an Bord, visitirte uns jedoch ziemlich glimpf-
lich. nach 6 uhr waren wir in nymwegen, wo wir über nacht und zwar in
der stadt blieben, da das dampfschiff der nebel wegen jetzt nicht mehr
nachts fährt.
nymwegen enchantirte mich als das erste Bild einer holländischen stadt,
so reinlich, zierlich und freundlich, alle die kleinen, bunten, netten häus-
chen, die alle aussehen wie bey uns die gartenhäuser, und als wären sie bloß
zum Ansehen da, und als gehe in ihnen nichts menschliches vor. die großen
hellen, reinen fensterscheiben mit den glänzend grünen rahmen, die enor-
men fenster, dicht an einander, die glasthüren, dann die blanken trottoirs
vor jedem hause mit der zierlichen einfassung von eisen oder messing etc.
Alles zusammen ist so schmuck und hübsch als man sich nur etwas denken
kann. ich stieg mit meinem holländer ziemlich lange in der stadt herum,
ging in den stadtpark, wo eine ruine eines römischen tempels und ein noch
ziemlich wohl erhaltener druidentempel ganz nahe bey einander stehen,
trank dann mit ihm caffeh in einer Art von Pavillon, von wo man eine sehr
schöne Aussicht hat etc.
Alle Weiber sind in holland hübsch, von der geringsten wie von den bes-
seren classen, sie sehen alle frisch und wohl aus, haben superbe haare und
ein feines weißes teint, nur sind sie meist klein (ausgenommen die kolossa-
len friesländerinnen) und dick.
tags darauf ging ich noch vor Abfahrt des Bootes eine tour durch die
stadt machen. da war dann Alles mit Waschen und Putzen beschäftiget, vor
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien