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Oktober 1843
jedem hause standen 1 oder 2 mägde, die mit einer Art von spritzen thü-
ren, fenster und Wände besprengten und wuschen.
um 8 fuhren wir ab, ich erinnere mich lange keine so angenehme Was-
serfahrt gemacht zu haben, eine gegend ganz wie die landschaften der hol-
ländischen mahler, zu beyden seiten und beynahe au niveau des flusses
üppige, fette Wiesen mit einer unzahl von weidendem rind- und schafvieh,
mitunter auch Pferde, welche Alle bis zum spätherbst tag und nacht im
freyen bleiben. dazwischen häufig Baumpflanzungen und nette dörfer, eine
menge canäle, größere und kleinere, die das land in jeder richtung durch-
ziehen, und in der mitte die ungeheuere Wassermasse, auf der wir fuhren,
und darauf eine masse von dampf- und segelschiffen, die je mehr wir uns
rotterdam näherten, um so bedeutender wird.
in ganz holland gibt es bloß Wiesenkultur, der Boden ist zu morastig, um
eine andere zu vertragen. käse, Butter und milch sind daher fast die ein-
zigen einnahmen von grund und Boden, doch sind diese sehr bedeutend.
holz wird nur zur gewinnung des reisigs und der faschinen angepflanzt,
deren sie zu ihren Wasserbauten in so ungeheuerer menge bedürfen, selbst
der strom, auf dem wir fuhren, war zu beyden seiten mit faschinenwerken
eingefaßt, und von Zeit zu Zeit waren große sporen von demselben materi-
ale in denselben hinein gebaut, damit es das uferland nicht abreiße. Alles
getreide, das holland braucht, wird in der Provinz seeland gebaut. in nord-
holland und texel werden den schafen säcke unter den schweif gebunden,
um ihren unrath zu sammeln, aus welchem man dann käse macht, d.h. man
preßt ihn aus und mischt den saft in den käse, welcher davon grün wird und
sehr gut und piquant seyn soll. guten Appetit dazu.
Wir kamen nach einander bey thiel, Bommel, gorcum und dordrecht vor-
bey, bey gorkum vereinigt sich die maas mit der Waal, und kurz vor rot-
terdam die Yssel. Wir waren um 3 in rotterdam. der Anblick der stadt ist
imposant durch die menge der schiffe und dampfboote und durch die größe
der Arsenale und Werften, an denen man vorüberkömmt. doch herrscht
hier, wie in ganz holland, eine große stagnation und Abnahme des handels
und also auch der schifffahrt, durch die trostlosen finanzverwickelungen
des staates (durch welche könig Wilhelm seinen Beynahmen der Beharr-
liche erkaufte, kleine diebe hängt man, große läßt man laufen)1 und auch
wohl noch durch andere ursachen hervorgerufen, in rotterdam ist diese
noch weniger fühlbar als anderswo, da hier die immer zunehmende dampf-
schifffahrt zum theile aushilft. es ist eine große, schöne stadt, so bewegt
1 könig Wilhelm i. hatte im oktober 1840 zugunsten seines sohnes auf den holländischen
thron verzichtet und war als herzog von nassau nach Berlin übersiedelt. Während der
staat hoch verschuldet war, besaß er selbst ein großes Privatvermögen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien