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als eine holländische stadt es seyn kann. Auch einige schöne gebäude, die
regierung, die Börse, die statue erasmus von rotterdam’s, etc. die stadt
ist von canälen durchschnitten, über welche fliegende Brücken führen, was
ihr theilweise eine entfernte Ähnlichkeit mit venedig gibt. doch ist dieses
in delft und noch vielmehr in Amsterdam ebenfalls der fall, wo es allein
über 300 solche Brücken gibt. hier aber gefiel besonders ein theil der stadt
(gouda straat, glaube ich) wo die straßen Alleen von hohen Bäumen bilden,
und an beyden seiten nette häuschen mit gitter und garten eingefaßt und
jedes mit seiner eigenen geschlossenen Brücke über die canäle, welche an
beyden seiten der Allee laufen.
mit der sprache kommt man hier schwer fort, die leute verstehen kein
französisch und kaum hie und da ein bischen deutsch oder englisch, in rot-
terdam besonders letzteres, ihr gottverfluchtes holländisches geplapper
aber soll der teufel lernen.
überhaupt, so gut mir das land gefällt, so wenig gefallen mir die men-
schen in holland, trocken, langweilig, eingebildet und unhöflich, hier zu le-
ben muß eine verzweifelte Aufgabe seyn, auch in den straßen der städte
sieht es aus, als hätte die Pest da gehaust, so todt und abgestorben, höch-
stens daß man hinter den fenstern hie und da ein menschliches gesicht her-
vorgucken sind [sic]. rotterdam und Amsterdam machen als handelsstädte
zum theile eine Ausnahme, aber auch nur zum theile.
Abends ließ ich mich von meinem lohnbedienten in mehrere öffentliche
häuser führen. es gibt nämlich in rotterdam so wie auch in Amsterdam
viele privilegirte Bordelle, welche die verpflichtung haben, Abends und bis
in die späte nacht einen tanzsaal mit musik offen zu halten, wo es dann
toll und voll hergeht, man zahlt dafür entrée, je nach ihrem range von 30–
60 cents, wofür man noch ein glas Punch oder grog bekömmt, will man
dann eins der mädchen haben, so sind da fixe Preise bis 10 fl. da kommen
dann matrosen etc. halb besoffen und machen ihren spektakel, es macht
einen beynahe wehmüthigen eindruck, diese unzahl mädchen, worunter es
recht hübsche gibt, défiliren zu sehen, wie sie sich zu all den rohen scherzen
hergeben müssen und immer tanzen und guter launen scheinen müssen,
mögen sie wollen oder nicht. in einem dieser häuser fand ich eine ganz al-
lerliebste friesländerinn in ihrem malerischen costume. dann gibt es wie-
der andere häuser, wo nicht getanzt wird, sondern bloß den ganzen Abend
fortepiano gespielt durch einen bezahlten ohrenzerreißer. in einem solchen
wurde ich von einem ganzen haufen mädchen umringt, die sich auf mich,
neben mich, unter mich setzten, und die ich durchaus mit Punch traktiren
mußte; diese Mädchen müssen sich nun zu Allem hergeben, selbst zu nack-
ten Bällen etc., und ihre hauptleidenschaft ist das trinken. doch gibt es
auch sehr ordentliche tanzhäuser in diesem style, d.h. solche, wo sehr hüb-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume I
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- I
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 744
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien